Willkommen auf dem Blog von Marcus K. Reif | Tel. 0700 marcusreif

Wir in der HR- und Recruiting-Familie beschäftigen uns alle mit der Frage, welche Beweggründe ein Talent hat, sich bei einem Unternehmen zu bewerben, welche Treiber die Kandidatin oder der Kandidat als entscheidet im Bewerbungsprozess betrachtet, um schlussendlich einen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen.

Die Frage, was ist eigentlich ein Talent, beschäftigt uns übrigens auch. Talent wird auf Wikipedia als “Begabung” bezeichnet, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, besonders auf künstlerischem Gebiet befähigt. Talent kann auch verstanden werden als eine Person, die erkennbare Fähigkeiten und Potenziale in sich trägt, diese aber noch nicht durchgängig in überdurchschnittliche Leistung transformieren kann und entsprechender Förderung bedarf. Talent kann auch verstanden werden als eine Person, die den erkennbaren Willen in sich trägt, ihre eigenen Kompetenzen ständig weiterzuentwickeln. Talent ist allerdings immer eine Vergangenheits- und auf die Gegenwart bezogene Sicht von außen, wobei man davon ausgeht, dass Talent in die Zukunft hinein weiterentwickelt werden kann.

Bleiben wir bei der Einschätzung, dass ein Talent eine Person ist, deren Kompetenzausgangslage für eine bestimmte Tätigkeit oder einen Sektor positiv ist. Potenzial ist die zukünftige Möglichkeit, nicht genutztes Talent an Kompetenzen oder Verhalten zu heben.

— Marcus K. Reif

COVID-19 ist ein Disruptor

Die Corona-Krise verändert alles. Viele spekulieren darüber, jetzt wieder “zurück zur Normalität” zu gehen. Dabei verkennen diese, dass es bis zu einer breiten Immunität gegen dieses Virus noch Monate an klinischer Forschung und Bemühungen brauchen wird. Experten vermuten, dass dieser Zustand des “social distancings” noch bis ins Jahr 2022 (sic!) anhalten muss. Es gibt also dieses “normal” gar nicht. Und deshalb sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt auch so elementar. Schauen wir uns das an.

Verschiedene wirtschaftliche Szenarien

Deloitte schreibt in seiner Analyse “Konjunkturszenarien für die Nach-Corona Zeit“: Für die Weltwirtschaft erwarten die letzten Prognosen eine Kontraktion des Wachstums um zwei Prozent im ersten Quartal, im zweiten Quartal dann einen weiteren Rückgang von 0,4 Prozent; ursprünglich war ein positives Wachstum von ungefähr 2,5 Prozent für 2020 für das Gesamtjahr erwartet worden. Der Einbruch im ersten Quartal wäre nach 2009 der zweithöchste in den letzten 50 Jahren.⁶ Eine Rezession in der Weltwirtschaft beginnt schon bei Werten von weniger als 1,5 Prozent positivem Wachstum, da das Trendwachstum in den Schwellenländern höher ist.

V-Szenario

Im V-Szenario symbolisiert der linke Teil des V den derzeitigen tiefen Abschwung, dem aber dann eine rasche Gegenbewegung folgt. In diesem Szenario kann das Corona-Virus relativ zeitnah eingedämmt werden, die Wirtschaft wird anschließend wieder hochgefahren und die massiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen unterstützen die Erholung im zweiten Halbjahr. In diesem Szenario kann die Expansion im zweiten Halbjahr die Verluste des ersten zumindest teilweise wieder auffangen. Die Prognosespanne für die deutsche Wirtschaft in diesem Szenario ist ziemlich weit; die Erwartungen reichen von einem Rückgang von -1,5 Prozent (ifo) bis zu einem Rückgang von -4,5 Prozent (Institut für Weltwirtschaft), während einige Prognosen einen Wert in der Mitte von ungefähr minus drei Prozent erwarten.⁷ Zum Vergleich: In der letzten „normalen“ Rezession vor der Finanzkrise 2002/2003 ging die Wirtschaftsleistung um 0,2 und 0,7 Prozent zurück.

U-Szenario

Im U-Szenario dauert die Eindämmung des Corona-Virus länger, beziehungsweise setzt auch nicht sofort eine Gegenbewegung ein, sondern die Wirtschaft würde nach der unmittelbaren Talfahrt noch in der Stagnation verharren, bevor es wieder aufwärtsgeht. Für diesen Fall eines längeren Shutdown geht das Institut für Weltwirtschaft von einem sehr hohen BIP-Rückgang von -8,7 Prozent aus. Allerdings wäre dann die Gegenbewegung in 2021 mit fast 11 Prozent Wachstum auch sehr stark. Das ifo-Institut geht in diesem Fall von noch höheren BIP-Verlusten zwischen 7,2 und 20 Prozent für 2020 aus.⁸ Zum Vergleich: Im Krisenjahr 2009 stürzte das Bruttosozialprodukt um 5,7 Prozent ab.

L-Szenario

In einem L-Szenario setzt nach dem Abschwung keine Gegenbewegung ein, sondern die wirtschaftliche Stagnation bleibt bestehen. Das könnte verschiedene Ursachen haben, z.B. Zweitrundeneffekte der Pandemie durch Finanzmarktkrisen oder eine Rückkehr des Virus in der zweiten Jahreshälfte. In diesem Fall wären die Wachstumsverluste dieselben wie in den anderen Szenarien, allerdings würde die Wirtschaft in der Rezession oder sogar in der Depression verharren.

Quelle der Szenarien: Deloitte-Studie Konjunkturszenarien für die Nach-Corona Zeit

Talent-Dynamik

Die Talent-Dynamik wird sich verschieben. Aktuell haben wir einen konzentrischen Arbeitnehmermarkt, der aufgrund der niedrigen Geburten und des darauf erfolgenden demografischen Wandels als überaltert zeigt. Gepaart mit dem Wertewandel der jüngeren Generationen entstand der War for Talent von Ed Michael, der bereits 1998 darauf hinwies, wie schwer Unternehmen nun zu kämpfen hatten, um die richtigen Talente für sich zu gewinnen. All das kippt gerade bei ungünstigem Verlauf der wirtschaftlichen Belebung in der Post-COVID-19-Phase. Arbeitgeber reduzieren ihre Betriebskosten. Fast 20 % der deutschen Unternehmen planen dem Ifo-Institut zufolge wg. Corona einen Stellenabbau. Ein Trend der Talenteknappheit, der seit 20 Jahren anhält und den viele für irreversibel hielten, drehte sich durch COVID-19 innerhalb von wenigen Wochen um.

Wir hatten auf dem Arbeitsmarkt selten einen anerkannten ausgeglichenen Recruitingmarkt. Entweder suchten mehr Unternehmen nach neuen Mitarbeitern oder es waren mehr Arbeitssuchende auf dem Markt als einstellende Unternehmen. Ich habe das Gefühl, dass auch in der Zeit von vor wenigen Wochen in einem hart um die richtigen Kompetenzen ringenden Recruiter eine auskömmliche Talent-Pipeline zu erreichen war. Die Firmen mussten nur von der Idee runter, dass alle Kandidaten durch ihren Reifen springen. Aber ansonsten fand man eigentlich immer tolle Talente, die man auch für den eigenen Arbeitgeber gewinnen konnte. Der Aufwand dafür war natürlich groß. Je unflexibler die Arbeitgeber im Recruiter waren, desto teurer wurde die Einstellung. Um diese Herausforderungen der inneren Inflexibilität auszugleichen, wurden für viele Euro Personaldienstleister als verlängerte Werkbank des Recruitings genutzt. Personalberatungen nutzen die Marktineffizienz und die Unternehmensinflexibilität für ihr Geschäftsmodell, welches 2,36 Mrd. Euro Umsatz im Jahr 2018 unterstreichen dies eindrucksvoll, denn dies ist der Umsatz nur in Deutschland!

All das kippt. In den letzten 10 Jahren war der Arbeitsmarkt ein reiner Arbeitnehmermarkt. Es gab viel mehr Unternehmen, die bereit waren, großartige Talente einzustellen, als großartige Talente, die einen Job suchten und bereit waren, von diesen Unternehmen eingestellt zu werden. Wenn Unternehmen nun eine restriktive Einstellungspolitik fahren, wird auch der Kampf um die richtigen Talente leichter. Manche Firmen denken jetzt schon drüber nach, Einstellungen zu verschieben, weil die teils überzogenen Gehaltsforderungen von Talenten in den Engpassvakanzen überbordend waren. Die Hoffnung liegt darauf, die Gehälter wieder nach unten glätten. Dazu kommen die vorgenannten 20 % der deutschen Unternehmen, die einen Stellenabbau planen. Hier kommt es also zur Umkehr der Talente-Dynamik aus zwei Seiten gespeist.

Kommen wir zu den Szenarien oberhalb. Landen wir in einem L-Szenario, besteht die essenzielle Sorge, dass die Unternehmen weiterhin auf die Bremse treten werden. Liquiditätssicherung steht vor nachhaltigem Recruiting. Die Welt berichtet unter Das L-Szenario könnte verheerende Folgen haben: In diesem L-Szenario, den Wissenschaftler als den schlimmsten aller Fälle ansehen, muss davon ausgegangen werden, dass das Coronavirus dem globalen Wirtschaftssystem, das auf Vernetzung und Arbeitsteilung beruht, einen immensen Schlag versetzt. Globale Wertschöpfungsketten würden zur Disposition gestellt, Firmen würden gedrängt, stärker im jeweiligen Heimatmarkt zu agieren. Doppelstrukturen und andere Ineffizienzen könnten Gewinne und Wirtschaftswachstum pulverisieren.

Wir dürfen den Effekt nicht vergessen, dass herausragend kompetente Talente immer den Unterschied machen für den Geschäftserfolg. Wenn wir nun zu einem mediokren Ansatz bei der Rekrutierung kommen, wird der Effekt nachhaltig sein. Dafür sollten wir intern werben!

Beste Grüße

Ihr Marcus K. Reif

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