Gastbeitrag

Ein Gastbeitrag meiner geschätzten Freundin, ehemaligen Kollegin und Weggefährtin Alexandra Götze. Nach vielen Jahren bei Accenture hat sie nun ihre Idee eines Coachings umgesetzt.

Wer mehr zu ihr und ihr Geschäftsmodell wissen möchte: www.alexandragoetze.de


Ein offener Brief an…die Generation Y

Alexandra Götze

Alexandra Götze

Sehr geehrte Generation Y,

ehrlicherweise befürchte ich, dass Sie schon aufgrund meiner Ansprache an Sie Ihr mobiles device hinter sich werfen wollen: „Nicht noch jemand zu dem Thema…“, werden Sie bei sich denken und ich kann es Ihnen nicht verübeln.

Es vergeht ja mittlerweile kein Tag mehr, an dem man nicht über Ihre Generation liest: Wie Sie ticken, was Sie wollen, was Sie auf keinen Fall wollen, warum Sie es nicht wollen und ganz wichtig: Können alle anderen eigentlich so, wie Sie es wollen?

Deswegen dachte ich bei mir: Heute möchte ICH mal was: nämlich Sie herzlich als Arbeitnehmer willkommen heißen! Ich freue mich sehr, dass Sie in unsere Unternehmen strömen und uns gehörig den Marsch blasen!

Mit uns meine ich übrigens die Führungskräfte der vorangegangenen Generationen. Da hätten wir die machtgeilen Babyboomer, die zugleich Ihre Eltern sind und wir hätten die Konsumsüchtigen X’ler. Schon hier sei mir der Kommentar erlaubt: Hätte ich es mir aussuchen können, ich hätte Ihre Generation gewählt: die Werteorientierten! Aber gut, nun bin ich nun mal X – war jahrelang selbst Führungskraft und bin mehr als bereit, mir Ihre Marschmusik anzuhören.

Ich habe mich viel mit Ihnen beschäftigt, liebe Generation Y. Und ich muss zugeben, Sie wurden mir von Mal zu Mal sympathischer. Denn es hat den Anschein, dass Sie ziemlich genau wissen, was Sie nicht wollen und handeln dementsprechend. Ich mag das! Nicht nur, weil es das Miteinander effektiver und kalkulierbarer macht – vor allem mag ich es, weil gerade im beruflichen Kontext Ihr Verhalten und Ihre Einstellung auf die heutigen Führungskräfte trifft. Und so komme ich nicht umher, mich zu fragen:

Macht Ihre Generation tatsächlich der autoritären Führungskultur den Garaus und haben Sie damit nicht einen Großteil der aktuellen Führungskräfte auf dem Gewissen?

Wenn man Sie fragt, auf was Sie bei einer Führungskraft Wert legen, bekommt man folgende Schlagworte:

  • Offenheit
  • Kooperation
  • Informationsteilung
  • Feedback

Nun, zugegebenermaßen nichts Neues. Ich wette, ich hätte mir das bei meinem Berufseinstieg vor 23 Jahren auch so gewünscht. Der maßgebliche Unterschied zwischen Ihnen und mir: Ich habe damals gemerkt, dass nur sehr wenig davon wirklich stattfindet, und habe es hingenommen.

SIE nicht! Sie werden es nicht hinnehmen. So steht es überall geschrieben liebe GenY – und ich bitte Sie: Enttäuschen Sie mich nicht!

Ich bin begeistert von der Idee, dass Sie den Mund aufmachen, und mit diesem Brief möchte ich Sie motivieren, es zu tun. Doch seien Sie gewarnt: Da kommt ein Stück Arbeit auf Sie zu. Sie zerren mit Ihren Ansprüchen an den Wurzeln lang verinnerlichter Arbeitskulturen. Sie werden Federn lassen und einen langen Atem haben müssen. Und gerade das – so lese ich – gehört jetzt nicht gerade zu Ihrer Kernkompetenz.

Aber: Eins nach dem Anderen! Schauen wir uns Ihre Wünsche doch mal genauer an:

Offenheit

Himmelherrje, da geht es schon los! Ich möchte direkt ganz offen zu Ihnen sein: Das Problem ist nicht die Offenheit. Es ist das Gejammer danach! Nicht falsch verstehen, ich kann Ihren Wunsch nach Offenheit sehr gut nachvollziehen. Viele Mitarbeiter deuten diese als Vertrauensbeweis und fühlen sich dadurch zugehörig. Doch ich sage Ihnen: Sie müssen mit Offenheit umgehen können! Denn eins ist klar: Was offen ausgesprochen wird, wird nicht unbedingt offen verarbeitet. Will heißen: Es besteht die Gefahr, dass Sie Dinge zu hören bekommen, die SIE für SICH verarbeiten-, vielleicht sogar Konsequenzen daraus ziehen müssen.

Und nicht selten habe ich erlebt, dass ich offen war und danach in unzähligen weiteren „hast Du noch mal eine Minute“-Gesprächen meine Offenheit zurück in Watte packen musste, weil mein Gegenüber eben nicht damit umgehen konnte.

Das gesagt, ermutige ich Sie trotzdem nachhaltig auf Offenheit zu pochen. Offenheit ist eben auch Wertschätzung und Anerkennung. Zwei Werte, die –generationsunabhängig- im beruflichen Miteinander stattfinden müssen.

Sie werden beweisen müssen, dass Sie die Verantwortung für das Gesagte übernehmen können.Zeigen Sie, dass Sie mit der entsprechenden Reife mit Informationen umgehen können und bitte: Nicht jammern!

Kooperation

Kein Wunder liebe Gen Y, dass Ihnen das so wichtig ist. Kooperation bedeutet Mitwirkung. Kooperation bedeutet, andere Meinungen zu hören und auch zuzulassen.

Warum beherrschen heutzutage nur so wenige Führungskräfte den kooperativen Führungsstil? Nun, für mich liegt es auf der Hand. Zu kooperieren bedeutet für etliche Entscheider immer noch, eins der wichtigsten Manipulationswerkzeuge aus der Hand zu geben: die Macht! Und glauben Sie mir, die haben wir Leader uns in den letzten Jahren des Hochbuckelns wirklich schwer verdient.

Sie müssen das Mal erlebt haben, liebe GenY. Es ist schon ein erhabenes Gefühl, wenn 15 Leute um einen Tisch herum sitzen und diskutieren und sie selbst mit dem guten Wissen dabei sind, dass – egal was dabei rauskommt – sie am Ende die Macht hätten, es komplett anders zu entscheiden. Das kann einem schon Mal zu Kopf steigen. Und lässt so manch eigene Charakterschwäche vergessen.

Wie ich lese, wird Ihre Generation das nicht mehr lange mitmachen. Und ich kann Sie auch hier nur vollends unterstützen. Am Ende ist dieser fehlende Dialog Ausdruck von willkürlicher Führung und dieser muss Einhalt geboten werden! Es kann nicht angehen, dass Führungskräfte diese Position der Allmächtigkeit aufrechterhalten, indem sie ihre Mitarbeiter unterdrücken und an der kurzen Leine halten.

Hier wird es ungemütlich für Sie, liebe Generation Y: Es ist wie früher auf dem Spielplatz – Sie konnten die kleine Greta nicht zwingen, mit Ihnen zu kooperieren – und Ihren Chef noch viel weniger. Und wie damals auf dem Spielplatz, heißt es auch im Job: Geduld und Durchhaltevermögen. Lassen Sie sich von Ihrem Vorgesetzten den Nutzen von Aussagen oder Entscheidungen erklären. Fragen Sie, was diese für SIE und das angestrebte Ziel bedeutet. Locken Sie die Führungskraft aus der Reserve. Die mit dem letzen Quäntchen Empathie werden die Kooperation mit Ihnen eingehen.

Informationsteilung

Hier würde ich bitten, dass Sie bezüglich dieser Anforderung kurz in sich rein hören, verehrte Generation Y:

Um welche Informationen geht es hier?

Handelt es sich schlichtweg um Business Informationen, die Sie brauchen, um ihr Geschäft entsprechend abwickeln zu können? Dann steht es außer Frage, dass Ihnen diese Informationen zustehen. Und es ist einfach nur grob fahrlässig von Führungskräften, diese zurückzuhalten. Ihre Generation ist es nun mal gewohnt, dassalle Informationen immer verfügbar sind.

Die gute Nachricht ist hier, dass die ersten Unternehmen– vor allem aus ökonomischen Gesichtspunkten – bereits gegensteuern. Immer mehr Social-Media-Anwendungen halten Einzug in die Unternehmen. Alle mit dem Ziel des schnellen Wissenstransfers und der effektiven Zusammenarbeit. Da tut sich also was in Ihre Richtung, liebe GenY.

Meine Erfahrung zum Wunsch nach Informationsteilung bei Mitarbeitern ist aber noch eine gravierend andere. Vielleicht ist es auch das, worum es Ihnen geht?

Mitarbeiter interessiert nichts mehr als Mitarbeiter! Es geht um den „Personal- Gossip“.

Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein: Die Power der Vorabinformation von personellen Informationen (und die höchst individuelle und sukzessive Verteilung dieser) beflügelt viele Führungskräfte maßgeblich.

„Ich weiß was, was Du nicht weißt“ macht sie wichtig! Vor allem dann, wenn sie – weil heute mal gut drauf – ab und zu ein paar Informationsfetzen in Meetings fallen lassen. Vielleicht haben Sie das auch schon mal mitbekommen, liebe Ypsiloner? Das nämlich hat zur Konsequenz, dass jedes Teammitglied individuell seine eigene kleine Wahrheit zurechtstückelt und am Ende entsteht ein Flurfunk, der für viele Mitarbeiter – neben dem warmen Mittagessen – noch der einzige Grund ist, nicht ständig im Homeoffice zu bleiben.

Aber soll ich Ihnen was verraten: Persönlich hat es mir in all den Jahren überhaupt nichts gebracht, dass ich zwei Wochen vorher wusste, dass Frau Meier schwanger ist und Herr Müller gekündigt hat. Deswegen erlauben Sie mir den folgenden Ratschlag: Halten Sie es mit dem Informationswunsch wie mit Ihrem Newsfeed auf Facebook: Verbergen Sie Unwichtiges!

Feedback

Über Feedback und Ihre Generation habe ich etliches gelesen.

Punkt 1) Sie möchten viel Feedback. Ständig, am liebsten jeden Tag, aber mal mindestens einmal die Woche! Der Grund dafür – so sagen Fachleute – ist Ihr Gedaddel im Jugendalter. Jedes Mal, wenn Super Mario per Jump’n‘Run aufs nächste Level gehüpft ist, machte Ihr Super-Nintendo lustige Belohnungsgeräusche und das ist der Grund, warum Sie so heiß auf Feedback sind. Ich finde die Begründung amüsant und durchaus nachvollziehbar.

Das ist übrigens endlich mal ne gute Nachricht für die Führungskräfte. Feedback reicht in sehr kurzer und knackiger Form. Ich bin da gerade nicht ganz so kreativ, wie das final aussehen könnte. So zum Beispiel: „Du Julian, das hast Du echt gut gemacht, das gibt 8 von 10 möglichen Punkten“?

Punkt 2) Wenn Sie Feedback bekommen, möchten Sie bestimmen, ob es adäquat ist. Nun kommen Sie schon! Wie soll das gehen? „Du Julian, das hast Du echt gut gemacht, das gibt 8 von 10 Punkten“ – „Mmhm, danke Dir, Stephan, aber ich denke nicht, dass ich Dir da zustimmen möchte“.

Nein ernsthaft. Feedback ist wichtig. Aber bitte nicht inflationär und bei schönem Wetter, sprich, wann es Ihrer Gemütslage passt.

Beim Thema Feedback – da bin ich ehrlich, liebe GenY – fällt es mir schwer, Ihre Wünsche zu verstehen. Vielleicht können wir uns so einigen: Feedback sollte – wann immer es gegeben wird – mit viel Zeit und Fokussierung auf die Talente des Mitarbeiters gegeben werden.

Wissen Sie, Feedback ist richtig viel Arbeit. Es bedeutet, dass sich jemand in Ruhe mit Ihnen und Ihren Kompetenzen auseinandersetzt. Feedback sagt Ihnen, was Sie besser machen können, damit Sie für sich neue Ziele setzen können und dadurch am Ende auch noch einen Sinn in Ihrem Tun erkennen können. Und – jetzt mal ganz ehrlich – Sie und ich wissen, was das Wort SINN bei Ihnen auslöst J

Liebe Generation Y, ich möchte ganz ehrlich zu Ihnen sein: Mir wird schon auch etwas bange, wenn ich mir anschaue, wie Sie in Zukunft geführt werden wollen. Als zukünftige Führungskräfte kämen mir da nur Kermit der Frosch oder Papa Schlumpf in den Sinn (wobei der fast schon wieder zu autoritär wäre).

Aber ich fürchte mich nicht! Ich vertraue Ihnen und freue mich auf Sie. In Ihren Wünschen und Anforderungen steckt auch ganz viel der Babyboomer und meiner Generation X. Wir hatten vielleicht nur nie den Schneid, es laut auszusprechen, und jetzt sind wir hier und da mal etwas neidisch auf Sie. Aber die Zeit scheint gekommen….

Für die Führungskräfte bleibt die Herausforderung, den eigenen Führungsstil genau unter die Lupe zu nehmen. Reflexionsarbeit ist angesagt – und die Arbeit an einem eigenen (werteorientierten) Berufsleitbild. 

Wenn es darum geht, die Individualität unserer Mitarbeiter zu fördern und zu akzeptieren, kann das nur funktionieren, wenn klar ist, für was man selbst (ein)steht. Führungskräfte müssen für sich die Frage beantworten, wie sie führen und wirken wollen. Es wird auch darum gehen, sich die eigenen Fehler einzugestehen und – für mich persönlich wohl das Wichtigste – nicht aufzuhören dazuzulernen!

Dazu kommt: Die Führungskräfte werden immer mehr vor der Herausforderung stehen, die eigene Wirkungskraft selbst zu definieren. Das kann und sollte bedeuten, den eigenen Handlungsspielraum gnadenlos auszureizen. Dafür braucht es Mut und Flexibilität. Was kann also Besseres passieren, als ganz viele GenY’ler im Team zu haben, die nur zu gerne bei diesem Abenteuer unterstützen?

Liebe Generation Y – ich verlasse mich auf Sie!

Herzlichst Ihre

Alex Götze

http://www.personalblogger.net/2013/07/03/ein-offener-brief-an-die-generation-y/

http://einoffenerbriefan.wordpress.com/2013/07/03/ein-offener-brief-an-die-generation-y/

http://www.alexandragoetze.de/

verfasst durch Marcus K. Reif
Passionierter Personaler, engagierter Kommunalpolitiker, stolzer Vater und treuer Eintracht-Frankfurt-Fan. Erfahren Sie mehr über mich auf meiner Profilseite. Freue mich auf den Dialog! Und bis dahin gibt es Neues auf Twitter @marcusreif