HR verabschiedet sich 2026 von der Wohlfühl-Agenda. Das ist die zentrale Botschaft der neuen BCG/WFPMA-Studie "Creating People Advantage 2026" (n = 7.115), und sie ist deutlicher als jede Zahl der letzten drei Erhebungszyklen. Zwei Bewegungen im Ranking der 15 wichtigsten HR-Themen erzählen die ganze Geschichte. Digital Solutions – gemeint ist HR-Prozessautomatisierung – klettert von Rang 25 auf Rang 12. Ein Sprung um 13 Plätze, der stärkste im gesamten Datensatz. Im selben Zeitraum fällt Employee Engagement and Well-being von Rang 3 auf Rang 10. Ein Absturz um 7 Plätze, ebenfalls der stärkste – nur in die andere Richtung.
Das ist kein Zufall, das ist ein Muster.

Was steigt, was fällt
Wer sich die komplette Liste ansieht, erkennt schnell, welche Themenfamilie gewinnt: Strategic Workforce Planning (+3), Talent Management & Succession Planning (+7), Org Development and Design (+5), Recruiting and Onboarding (+4). Alles Themen mit klarem strukturellem Zuschnitt. Planung, Architektur, Systematik.
Auf der Verliererseite: Rewards and Recognition (-6), Employee Engagement and Well-being (-7), moderat auch Leadership Development (-1). Alles Themen, die in den letzten Jahren unter der Überschrift "Culture" und "Purpose" verhandelt wurden.
People and HR Strategy bleibt unangefochten auf Rang 1. Das Mandat von HR als strategische Funktion steht also nicht zur Debatte – im Gegenteil, es verschiebt sich nur, wie dieses Mandat operationalisiert wird.
Die These
2021 bis 2023 war die Zeit der Empathie-Ökonomie. Well-being-Programme, Engagement-Surveys, Anerkennungskultur – das waren die Antworten auf Pandemie, Great Resignation und einen Arbeitsmarkt, der Mitarbeitende zu Kunden machte, die man umwerben musste.
2026 hat sich das Machtverhältnis wieder verschoben. Ein Arbeitsmarkt mit KI-Verdrängungsdruck, demografischer Kontraktion und Kostendisziplin fragt nicht mehr "Wie fühlen sich unsere Leute?", sondern "Haben wir die richtige Struktur, die richtigen Prozesse, die richtigen Leute an den richtigen Stellen?" Automatisierung, Nachfolgeplanung und Workforce Planning sind die Antworten auf diese Frage – nicht, weil Wohlbefinden unwichtig geworden wäre, sondern weil es von der Kür zur Selbstverständlichkeit degradiert wurde. Man diskutiert nicht mehr, ob man es tut. Man tut es, und wendet sich der nächsten Baustelle zu.
Die Umkehrung
Die eigentliche Pointe liegt nicht in den Zahlen, sondern in dem, was sie über die Rolle von HR selbst aussagen. Eine Funktion, die sich zehn Jahre lang als Anwältin der Mitarbeitererfahrung positioniert hat, wird 2026 daran gemessen, ob sie Organisationsarchitektin sein kann. Das ist kein Rückschritt in alte Personalverwaltungslogik – es ist eine Reifeprüfung. Wer HR-Automatisierung baut, ohne die dahinterliegende Organisationsstruktur zu verstehen, hat lediglich das Problem digitalisiert, nicht gelöst. Die Frage für 2026 ist nicht, welches Thema oben steht. Die Frage ist, ob HR die strukturelle Kompetenz mitbringt, die dieses Ranking nun von ihr verlangt.
Viel Erfolg bei Ihrer Arbeit. Sie ist so wichtig.
Mit meinen besten Grüßen
Ihr Marcus K. ReifQuelle: 2026 BCG/WFPMA proprietary web survey and analysis (n = 7.115), "Creating People Advantage 2026".





