Zwei Zahlen aus diesem Herbst widersprechen sich scheinbar. Die IT-Fachkräftelücke ist seit 2023 auf 79.000 offene Stellen zusammengeschmolzen – fast eine Halbierung. Gleichzeitig prognostiziert das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dass die gesamtwirtschaftliche Fachkräftelücke bis 2029 auf 723.000 steigt – fast eine Verdopplung gegenüber 2025. Beide Zahlen stammen aus denselben Wochen. Beide sind richtig. Die Auflösung des Widerspruchs ist die eigentliche Nachricht: Wir erleben gerade keine Entspannung, sondern eine konjunkturelle Verschnaufpause in einem strukturell festgefahrenen Trend.
Was die aktuellen Zahlen wirklich zeigen
Das IAB hat im März 2026 etwas gemeldet, das es so noch nie gemeldet hat: Das Erwerbspersonenpotenzial – die Summe aus Erwerbstätigen, Arbeitslosen und stiller Reserve – sinkt 2026 erstmals. Um 40.000 auf 48,62 Millionen Personen. Das ist kein Ausreißer, sondern der erste sichtbare Effekt einer demografischen Rechnung, die seit Jahren bekannt ist: 14,1 Millionen Menschen aus den geburtenstarken Babyboomer-Jahrgängen (1954–1969) sind aktuell noch unterhalb des Renteneintrittsalters. 2030 werden es nur noch 7,6 Millionen sein.
Parallel dazu meldet das IW/KOFA für 2025 eine Fachkräftelücke von 369.516 – deutlich weniger als die 532.000 aus dem Jahr 2023. Und der DIHK-Fachkräftereport 2025/2026 zeigt: „nur" noch gut jedes dritte Unternehmen (36 Prozent) kann offene Stellen nicht besetzen.
Die Prognosen für die kommenden Jahre:
2029: 723.000 fehlende Fachkräfte
2036: bis zu 4,3 Mio. fehlende Arbeitskräfte insgesamt (IW)
Klingt nach guten Nachrichten. Ist es aber nicht – aus einem einfachen Grund: Diese Zahlen sind Symptome einer schwachen Konjunktur, nicht eines gelösten Problems. Weniger offene Stellen bedeuten in einer Rezession häufig weniger Neueinstellungen, nicht mehr passende Bewerber. Bitkom bestätigt das für die IT-Branche explizit: Die Zahl unbesetzter IT-Stellen ist zwar auf 79.000 gefallen – aber 97 Prozent der Unternehmen mit offenen IT-Stellen berichten weiterhin von Besetzungsproblemen, und 76 Prozent erwarten eine erneute Verschärfung.
Der Mismatch ist das eigentliche Problem
Der Mikrozensus 2025 liefert den entscheidenden Befund: 68,3 Prozent der Erwerbslosen und 59,5 Prozent der stillen Reserve verfügen über mindestens mittlere oder hohe Qualifikationen. Es fehlt also nicht grundsätzlich an Menschen mit Kompetenzen – es fehlt an der Passung zwischen dem, was Unternehmen suchen, und dem, was der Arbeitsmarkt anbietet.
Das erklärt auch, warum steigende Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel gleichzeitig existieren können. Es ist kein Widerspruch. Es ist derselbe strukturelle Bruch, von zwei Seiten betrachtet.
Die unterschätzte Lücke: Führungskräfte
Während die öffentliche Debatte fast ausschließlich über Fachkräfte im engeren Sinn spricht, verschärft sich ein zweites Problem nahezu unbemerkt: 2025 fehlten im Jahresdurchschnitt 28.180 Fachkräfte in Führungsberufen – fast doppelt so viele wie 2015. Das IW hat dafür eine noch deutlichere Zahl parat: Aktuell kann sich nur jede siebte Person ohne Führungsverantwortung vorstellen, eine Führungsrolle zu übernehmen.
Das ist kein Rekrutierungsproblem im klassischen Sinn. Es ist ein Attraktivitätsproblem der Rolle selbst. Fachliche Führung, Businesssteuerung, Menschenführung und Repräsentation gleichzeitig zu leisten – bei wachsenden Dokumentations- und Compliance-Anforderungen – ist ein Paket, das immer weniger Menschen freiwillig übernehmen wollen. Wer als Unternehmen Führungspositionen weiterhin so zuschneidet wie vor zehn Jahren, wird sie in fünf Jahren nicht mehr besetzt bekommen.
Der Blick nach vorn
Die Prognosen sind eindeutig, und sie werden nicht kleiner:
- 2029: 723.000 fehlende Fachkräfte (IW)
- 2036: bis zu 4,3 Millionen fehlende Arbeitskräfte insgesamt – eine Zahl, die das IW gegenüber der Prognose vor zwei Jahren um 1,3 Millionen nach oben korrigiert hat
- 2049: eine Pflegelücke von 280.000 bis 690.000 Kräften
Besonders hart trifft es Ostdeutschland: Ohne kontinuierliche Zuwanderung sinkt dort die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2035 um 13 Prozent, bis 2045 um über 20 Prozent. Schon heute stellen internationale Fachkräfte 5,3 Prozent der qualifizierten Belegschaft in den ostdeutschen Flächenländern – ohne sie wäre die Lücke in vielen Regionen bereits jetzt nicht mehr zu schließen.
Was das für Ihre Personalarbeit bedeutet
Die kurzfristige Entspannung bei IT- und Fachkräftezahlen ist ein Zeitfenster, kein Signal zur Entwarnung. Wer jetzt Recruiting-Budgets kürzt, weil die Zahlen gerade günstiger aussehen, handelt gegen die eigene mittelfristige Interessenlage. Drei Konsequenzen halte ich für zwingend:
Erstens: Führungskräfteentwicklung braucht denselben strategischen Stellenwert wie klassisches Fachkräfte-Recruiting – inklusive der Bereitschaft, Führungsrollen neu zu schneiden (Teilzeitführung, Jobsharing, klar begrenzte Aufgabenprofile).
Zweitens: Interne Requalifizierung schlägt externe Suche. Bei einem Mismatch-Problem ist die eigene Belegschaft die naheliegendste Zielgruppe für Weiterbildung – nicht der ohnehin überzeichnete externe Markt.
Drittens: Wer in den kommenden Jahren auf internationale Fachkräfte setzen will, sollte die Prozesse jetzt aufbauen. Die Zahlen zu Ostdeutschland zeigen, wie schnell diese Abhängigkeit real wird – lange bevor sie im eigenen Unternehmen spürbar ist.
Die Frage ist nicht mehr, ob der Fachkräftemangel zurückkommt, sobald sich die Konjunktur erholt. Die Frage ist, ob Ihre Organisation bis dahin vorbereitet ist – oder ob Sie die aktuelle Ruhe für eine Lösung gehalten haben.
Viel Erfolg bei Ihrer Arbeit. Sie ist so wichtig.
Mit meinen besten Grüßen
Ihr Marcus K. Reif
Quellen: IAB-Prognose 2026, IW Köln/KOFA-Fachkräftedatenbank, DIHK-Fachkräftereport 2025/2026, Bitkom-Studie „Der Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte" 2026, Statistisches Bundesamt (Mikrozensus 2025).











