Dezember 25, 2014 Alles!, Politik Keine Kommentare

Realität ist: immer weniger Menschen stehen hinter etablierten Parteien

Versprochen! Kein Kommentar zu Pegida … und welche Gidas es noch gibt. Die Überschrift verwendete ich schon beim letzten Beitrag zum Thema, der war im Januar dieses Jahres. Zuletzt davor hatte ich Ende Juli 2013 und Ende 2012 über die Mitgliederzahlen der Parteien gebloggt. Eins wird leider statistisch betrachtet immer deutlicher: immer weniger Deutsche stehen hinter Parteien! Nehmen wir noch die Volksparteien in Augenschein, so stehen hinter CDU/CSU und SPD noch ganze 1,33 % Parteimitglieder in Deutschland, insgesamt. Schauen wir mal die Wahlberechtigten gesondert an. Hinter CDU/CSU und SPD als große Volksparteien stehen noch ganze 3,06 % deutsche Parteimitglieder bezogen auf die fast 62 Mio. Wahlberechtigten zur letzten Bundestagswahl. Das ist keine gute Entwicklung, um es philosophisch zu betrachten. Ich bin aber sicher, dass die Deutschen an Politik interessiert sind. Deshalb meine Unterscheidung an dieser Stelle in politikdesinteressiert und parteiendesinteressiert. Selbst mich fischen manche politischen Winkelzüge nicht mehr an. Und ich mache selbst Kommunalpolitik. 

Gerade nach der doch beeindruckenden Bundestagswahl und im Augenschein der wegweisenden Landtagswahl mit am Ende einer für viele überraschend erfolgreichen Schwarz-Grün-Koalition in Hessen sind die Zahlen der Parteimitglieder in ihrer Dynamik besonders interessant. Schauen wir mal auf die aktuell veröffentlichten Zahlen! 

Mitgliederstärkste Partei

Man las einige Male in den vergangenen Jahren in den Gazetten, ob nun CDU oder die SPD gemessen an den Parteimitgliedern vorne lagen. Als einer derjenigen, der wirklich valide Zahlen zur Verfügung hat, gilt der Berliner Politologe Prof. Dr.  Oskar Niedermayer von der FU Berlin. Seine jährliche Analyse über die Mitgliederentwicklung der Parteien wird in der Zeitschrift für Parlamentsfragen veröffentlicht. Bin gespannt darauf, die nächste Analyse dürfte im Januar wieder so weit sein. Wieder zurück zu den Gazetten. Leider sind diese Betrachtungen stets nur Betrachtungen in der Negativentwicklung der Mitgliederzahlen nach unten, denn die Parteien gewinnen zwar weiterhin Mitglieder, teilweise auch recht beeindruckend, verlieren aber im Saldo mehr durch Austritte und Sterbefälle! Die SPD ist nun seit einem guten Jahr mitgliederstärkste Partei. Dabei wird außer Acht gelassen, dass die SPD dazu auf Mitglieder aus 16 deutschen Bundesländern kalkuliert, die CDU allerdings nur aus 15, denn in Bayern gibt es die Schwesterpartei CSU. Fasst man für die gesamtdeutsche Betrachtung die CDU/CSU zusammen, liegt sie mit 606.878 Mitgliedern 31,5 % vor der SPD mit 461.537. Die CDU alleine verzeichnet 459.878 Mitglieder, dies umfasst wie oben beschrieben die 15 Landesverbände ohne Bayern. Das ist mal ein Abstand! 

In Zeiten, in denen Politik deutlich an Komplexität gewonnen hat, selbst Wirtschaftsexperten kaum eine einheitlich plausible Strategie empfehlen können und sich eher durch Dissens auszeichen – da bleibt es nicht aus, dass den Parteien nicht die Bude eingerannt wird. Marcus Reif

Doch weshalb ist dieses Elefantenrennen um die Führerschaft nach Mitgliederstärke denn wichtig? Ganz einfach: damit wird die Verankerung in der Gesellschaft dokumentiert. Die Volksparteien haben nicht mehr den gleichen Stellenwert, wie dies noch vor dreißig oder gar fünfzig Jahren der Fall war. Die Gesellschaft verhält sich opportunistisch und steht nicht mehr pauschal hinter einer Partei, sondern eher punktuell hinter einer Haltung, teilweise auch nur singulären Meinung, die durchaus auch von Themenfeld zu Themenfeld variiert. Das macht es für die Etablierung eines flächendeckenden Rückhalts noch einmal schwerer. Man sieht dies im ständigen Ringen um die Perspektive und Interpretation, selbst wenn man als Partei/Fraktion im Grunde die gleiche Auffassung vertritt wie der politische Mitbewerb. 

Politikverdruss oder Parteienverdruss?

Wie eingangs schon beschrieben, bin ich persönlich der Meinung, dass die gelebte Art der Politik den Parteien schadet. Habe auf Statista eine Grafik gefunden, die auf einer Analyse der Bertelsmann-Stiftung mit Allensbach basiert. Die ersten beiden Ergebnisse zeigen das, was ich meine, ganz zweifelsfrei.

Statistik: Warum interessieren Sie sich nicht so sehr für Politik? Was von der Liste würden Sie nennen? | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Die Mitgliederzahlen werden nicht immer zum gleichen zeitlichen Abschnitt aktualisiert, so gesehen ist meine Tabelle unterhalb für statistische Zwecke mit dem einen oder anderen zeitlichen Versatz zu werten. Hier die Tabelle:

Mitgliederzahlen der Parteien

Parteimitglieder

Die Mitgliederzahlen entnahm ich einem Bericht der Wirtschaftswoche vom 24.12.2014. Quelle: Wenig Neuzugänge • Volksparteien leiden weiter unter Mitgliederschwund. Grafik: Marcus Reif 

Mitgliederzahlen in Tabellenform 

Mitgliederzahlen, Daten

Die stärkste Veränderung in der Mitgliederdynamik haben die AfD und die Piraten. Beide in verschiedene Richtungen. Die AfD kommt aus der Bundestagswahl, den Landtagswahlen und der Europawahl gestärkt hervor, das schlägt sich auch bei der Mitgliederentwicklung nieder. Die Piraten haben an Öffentlichkeit verloren und – das halte ich für den Kern der negativen Entwicklung – in öffentlichkeitswirksamen Zeiten eines Edward Snowden keinen nennenswerten Beitrag zur Debatte geleistet. So gehen sie danieder ohne Impulse.

Die SPD und die FDP vermeldeten starke Neueintritte – bei der SPD wg. des wirklich lobenswerten Mitgliedervotums zur großen Koalition; bei der FDP vermutlich aus Solidarität wg. des desaströsen Wahlergebnisses. Die Grünen bekommen beides ab. Ihr Mitwirken in einer Landesregierung mit der CDU (Hessen) und ihr Nichtmitwirken auf Bundesebene, dort hätten sie mit der CDU gekonnt. Bei den Grünen gibt es zwei starke Lager, die Fundis und die Realos. Fundis stehen einer liberalen, marktpolitischen und offenen Regierungsbeteiligung kritisch gegenüber. Die Realos hätten alle Kompetenz, genau dies zu tun. Die Stagnation der Mitgliederzahlen der Grünen auf hohem Niveau ist vermutlich diesem Paradoxon geschuldet. 

Hier noch mal der Verweis zu den hier genannten Parteien:

Bei CDU und SPD ist der Trend seit Jahren immer gleich. Die SPD hatte um 1975 rum mal über eine Mio. Mitglieder. Die CDU lag damals schon ein Stück weit weg mit knapp 700.000 Mitgliedern. Für eine objektive Betrachtung habe ich deshalb die Darstellung nach den reellen Bedingungen – also geglättet auf die 16 Bundesländer – vorgenommen:

Mitgliederzahlen der Parteien

Darstellung nach den reellen Bedingungen auf Basis aller Bundesländer:

Parteimitglieder, kumuliert nach 16 Bundesländer

Hier sind CDU und CSU in einer gestapelten Säule. Da die CSU traditionell sehr stark ist, zeigt der Abstand von 31,5 % zur SPD doch ein deutliches Signal. Da die SPD in den Mitgliederzahlen ebenso die bayrischen Mitglieder listet, ist diese Darstellung aus meiner Sicht folgerichtig.

Nun kann man natürlich herrschaftlich darüber streiten, ob diese Ergebnisse Erfolg für die eine, Niederlage für die andere Partei sind. Alles Nonsens. Realität ist, dass immer weniger Menschen hinter der Politik der Parteien stehen, geschweige denn, ihnen beizutreten und mit dem Mitgliedsbeitrag die Sympathie für die handelnde Politik zu bekunden. Bis zu einer aktiven Mitarbeit kommen nicht viele, was sehr schade ist. Wie heißt es so schön:

Jeder, der sich zu fein für die Arbeit in der Politik ist, muss damit leben, von denen regiert zu werden, die es tun.

Demnächst mehr auf diesem Blog! 

Beste Grüße

Marcus Reif

verfasst durch Marcus K. Reif
Passionierter Personaler, engagierter Kommunalpolitiker, stolzer Vater und treuer Eintracht-Frankfurt-Fan. Erfahren Sie mehr über mich auf meiner Profilseite. Freue mich auf den Dialog! Und bis dahin gibt es Neues auf Twitter @marcusreif