Nicht wenige glauben, im Lebenslauf, in der Biografie und in Noten stünden Dinge, die auf eine berufliche Performance schließen lassen. Wir sind leider immer noch noten- und abschlussgläubig. Schmidt und Hunter haben das schon 1998 in ihrer bis heute einflussreichsten Meta-Studie zur Personalauswahl gezeigt – nur wird sie selten korrekt zitiert. Die Personalpsychologie hat diese Erkenntnis bereits 1998 belegt. Die Praxis hat sie bis heute nicht verinnerlicht — und die Zahlen, mit denen sie zitiert wird, sind meist ungenau.
Die Studie, die niemand liest, aber jeder zitiert
Frank Schmidt und John Hunter veröffentlichten 1998 im Psychological Bulletin die bis heute einflussreichste Meta-Analyse zur Personalauswahl. Sie verglichen 19 Auswahlverfahren über 85 Jahre kumulierter Forschung — nicht nach Bauchgefühl, sondern nach ihrer Validität: wie gut ein Verfahren den tatsächlichen Berufserfolg vorhersagt. Die Skala reicht von 0,0 (reiner Zufall) bis 1,0 (perfekte Vorhersage). Ein Wert von 0,3 bis 0,4 gilt in der Personalpsychologie bereits als praktisch bedeutsam.
Die zentralen Werte aus der Originalstudie:

Die Überraschung liegt nicht dort, wo man sie erwartet
Die meisten Diskussionen über Schmidt und Hunter kreisen um den Intelligenztest als vermeintlich unschlagbaren Königsweg. Das verdeckt den eigentlich bemerkenswerten Befund: Das strukturierte Interview erreicht exakt denselben Wert.
Nicht das offene, sympathiegeleitete Gespräch. Der Leitfaden mit festen Fragen, festen Ankerbeispielen und einem Bewertungsraster, das für jeden Bewerbenden gleich angewendet wird. Struktur schlägt Intuition — und das um einen erheblichen Abstand: 0,51 gegenüber 0,38 beim unstrukturierten Interview.
Wo der Lebenslauf tatsächlich steht
Der Lebenslauf selbst taucht in der Originaltabelle nicht als eigene Kategorie auf. Was in vielen Sekundärquellen als „CV-Validität von 0,35" kursiert, ist in Wahrheit der Wert für biografische Datenfragebögen — standardisierte, empirisch verankerte Instrumente, die systematisch mit dem Berufserfolg validiert wurden. Das klassische Durchblättern eines Lebenslaufs durch eine Recruiterin oder einen Recruiter ist damit nicht identisch.
Diese Gleichsetzung ist kein Einzelfall. Sie zieht sich durch zahlreiche HR-Blogs, die alle dieselbe Sekundärquelle abschreiben, ohne je die Originalstudie zu öffnen. Teilweise werden dabei auch die Interview-Werte vertauscht oder verfälscht wiedergegeben — mit der Folge, dass strukturierte Interviews schlechter dastehen, als sie tatsächlich sind, und unstrukturierte Interviews noch wertloser wirken, als die Datenlage hergibt.
Für die Praxis ändert das wenig an der Kernbotschaft, aber viel an der Präzision der Argumentation: Wer mit Zahlen argumentiert, sollte sie an der Primärquelle prüfen — nicht an der dritten Kopie einer Kopie.
Die eigentliche Konsequenz
Der Lebenslauf ist damit kein Instrument der Personalentscheidung im engeren Sinn. Er ist ein Vorfilter: Er prüft Mindestanforderungen, formale Qualifikationen, den groben beruflichen Werdegang. Er ersetzt nicht die Verfahren, die tatsächlich valide auf zukünftigen Erfolg schließen lassen.
Wer den Lebenslauf dennoch zur alleinigen oder dominanten Entscheidungsgrundlage macht, verzichtet freiwillig auf die validesten Instrumente, die die Personalpsychologie zu bieten hat — und erhöht gleichzeitig das Risiko unbewusster Verzerrungen durch Foto, Name oder Lücken im Werdegang, die mit dem eigentlichen Erfolgspotenzial nichts zu tun haben.
Die praktische Konsequenz aus 85 Jahren Forschung lautet daher:
- Lebenslauf als erste Orientierung und Mindestanforderungsprüfung — nicht als Entscheidungsgrundlage.
- Strukturierte Interviews mit festem Leitfaden und Bewertungsraster für den direkten Vergleich aller Bewerbenden.
- Arbeitsproben oder Tests, die die für die Position tatsächlich relevanten Fähigkeiten prüfen.
Die eigentliche Frage
Die Frage ist nicht, wie man den Lebenslauf noch sorgfältiger liest.
Sondern warum so viele Unternehmen ihn noch immer so lesen, als könnte er die Antwort allein liefern — obwohl die eigene Forschung der Disziplin seit über 25 Jahren etwas anderes zeigt.
Menschen machen den Unterschied. Machen wir den Anfang.
Herzliche Grüße
Ihr Marcus K. Reif
Quelle: Schmidt, F. L. & Hunter, J. E. (1998). The Validity and Utility of Selection Methods in Personnel Psychology: Practical and Theoretical Implications of 85 Years of Research Findings. Psychological Bulletin, 124(2), 262–274.










