Willkommen auf dem Blog von Marcus K. Reif | Meine Arbeit gibt Ihnen Zeit für Ihre!

Am 24. Januar 2026 hat die WirtschaftsWoche einen Punkt sauber getroffen: Ausgerechnet die, die am stärksten von KI profitieren, wirken plötzlich erstaunlich nachdenklich. In Davos diskutieren Larry Fink (BlackRock), Jensen Huang (Nvidia), Dario Amodei (Anthropic), Demis Hassabis (DeepMind/Google), Brad Smith (Microsoft) – und mittendrin die IWF-Chefin Kristalina Georgieva mit dem Wort, das hängen bleibt: „Tsunami“. (WirtschaftsWoche)

Die Metapher ist stark. Aber sie ist auch gefährlich – weil sie zu einem Reflex führt, den ich in Unternehmen gerade oft sehe: Stellenabbau denken, bevor Arbeit neu gedacht wird.

Was der WiWo-Artikel (richtig) sichtbar macht – und wo die HR-Brille schärfer sein muss

1) Nicht „KI nimmt Jobs weg“ – sondern: KI verschiebt Nachfrage

Das Beispiel der Radiologie ist dafür lehrreich: KI erhöht Produktivität, senkt Kosten, verkürzt Wartezeiten – und dadurch steigt die Nachfrage. Ergebnis: nicht weniger, sondern mehr Radiologen. Das ist klassische Innovationslogik: Effizienz erzeugt neue Nutzung. (WirtschaftsWoche)

HR-Übersetzung: Wer nur auf „ersetzbare Tätigkeiten“ schaut, verpasst den zweiten Effekt: Volumen wächst, Qualitätserwartungen steigen, Rollen verändern sich.

2) Der Druck liegt im „Middle Office“ – und in Einstiegsrollen

Georgievas „poor guys in the middle“ zielt auf repetitive Bürojobs. Und WiWo setzt noch einen drauf: Praktikantenstellen sinken, Übersetzerpools schrumpfen, „Vibe-Coding“ senkt Eintrittsbarrieren ins Programmieren. (WirtschaftsWoche)

Das ist kein Randthema, sondern ein Talent-Pipeline-Risiko: Wenn Junior-Tätigkeiten automatisiert werden, fällt das klassische Lern- und Sozialisationsfeld weg.

Der IWF warnt in genau diese Richtung: Entry-Level-Jobs sind besonders verwundbar, wenn KI vor allem „Zuarbeit“ frisst. (The Guardian)

3) Die Debatte kippt: Von „Augmentation“ zu „Simplification“ (und das ist der eigentliche Gamechanger)

WiWo verweist auf eine Modellstudie (Reichardt/Althoff), die sinngemäß sagt: KI vereinfacht Aufgaben so, dass auch weniger formal Qualifizierte Aufgaben übernehmen können, die vorher „zu hoch“ waren – mit Effekten auf Löhne, Berufsstrukturen und Status. (WirtschaftsWoche)

Das ist der Punkt, an dem HR präzise werden muss:

  • Automatisierung ersetzt Aufgaben.
  • Augmentation unterstützt Aufgaben.
  • Simplification senkt Kompetenzbarrieren – und verändert damit Job-Architekturen und Vergütungslogiken.

Ein Realitätscheck mit Zahlen (statt Bauchgefühl)

  • Der IWF rechnet damit, dass in fortgeschrittenen Volkswirtschaften rund 60% der Jobs von KI betroffen sein können – teils positiv (Produktivität), teils negativ (Nachfrage nach Arbeit, Löhne, Hiring). (IMF)
  • Die ILO kommt in einem verfeinerten Index zu dem Bild: „One in four“ Beschäftigte arbeitet in Berufen mit GenAI-Exposition; am stärksten betroffen bleiben clerical/administrative Tätigkeiten; und der wahrscheinlichste Effekt ist Transformation, nicht Vollautomatisierung. (International Labour Organization)
  • Das WEF erwartet bis 2030 starke gleichzeitige Dynamik: strukturell +170 Mio. neue Jobs (14%) vs. –92 Mio.(8%) – netto positiv, aber brutal in der Reallokation. Und: Clerical/Secretarial zählen zu den stärksten Verlierern. (World Economic Forum)

Diese drei Quellen erzählen zusammen eine unbequeme Wahrheit:
Die Frage ist nicht, ob Arbeit verschwindet. Die Frage ist, ob Unternehmen schnell genug umlernen – organisatorisch, nicht nur individuell.

Was HR jetzt tun sollte: 6 Prinzipien, die in der Praxis funktionieren

1) Von Stellen zu Tasks: Workforce Planning neu aufsetzen

Wenn HR weiter in „Job Families“ denkt, wird es zu grob. Der wirksame Ansatz ist task-basiert:

  • Tätigkeiten je Rolle auflisten (nicht perfekt, aber ehrlich).
  • KI-Eignung markieren: automatisierbar / augmentierbar / vereinfachbar.
  • Daraus neue Rollenprofile ableiten (und alte entkernen).

Das klingt nach Fleißarbeit. Ist es auch. Aber es ist die Basis für alles Weitere.

2) Entry-Level neu designen – sonst bricht die Pipeline

Wenn KI Zuarbeit frisst, muss HR Einstiegsrollen anders bauen:

  • weniger „Fleiß“, mehr QualitätsprüfungPromptingDatenverständnisStakeholder-Kommunikation
  • klare Lernpfade mit realer Verantwortung (sonst bleibt’s Praktikumssimulation)
  • Mentoring und „Shadowing“ als Pflichtbestandteil

Sonst stehen wir in drei Jahren da und wundern uns, warum es keine „fertigen“ Professionals mehr gibt.

3) Skills als Währung – nicht Tools

Der WEF nennt „AI & Big Data“ und „Technological Literacy“ als Top-Skills – aber HR muss das in ein internes System übersetzen: Skill Taxonomy, Level, Nachweise, Lernangebote, interne Mobilität. (World Economic Forum)

Wichtig: Tool-Know-how veraltet. Arbeitsfähigkeit (kritisches Denken, Qualitätsurteil, Domänenwissen) bleibt.

4) Vergütung und Karrierepfade anpassen – bevor es knallt

Wenn Aufgaben „leichter“ wirken, entsteht schnell das gefährliche Narrativ: „Dann ist der Job ja weniger wert.“
Das führt zu:

  • Entwertung ganzer Funktionsbereiche (z.B. Accounting, Assistenz, PMO)
  • Flucht von Leistungsträgern
  • Konflikten mit Betriebsrat/Sozialpartnern

Besser: Pay an Accountability, Risiko, Judgment koppeln – nicht an Tippgeschwindigkeit oder Folienproduktion.

5) Produktivitätsdividende legitimieren

Der IWF warnt seit längerem vor Verteilungs- und Ungleichheitseffekten, wenn Produktivität nicht breit ankommt. (IMF)
HR ist hier nicht Moralbehörde, aber HR ist Designbehörde für faire Systeme: Weiterbildung, interne Übergänge, transparente Kriterien, Beteiligungsmodelle.

6) Governance: KI ist Mitbestimmung, Datenschutz, Haftung – nicht nur Innovation

Ohne klare Leitplanken wird KI zu Schatten-IT. HR sollte gemeinsam mit Legal/IT festziehen:

  • erlaubte Tools / Datenklassen / Freigabeprozesse
  • Trainingspflichten
  • Dokumentation von KI-gestützten Entscheidungen (gerade im Recruiting/Performance-Kontext)

30–60–90 Tage: Ein pragmatischer Startplan für HR

0–30 Tage

  • Top-10 Rollen identifizieren (Administratives + Wissensarbeit + Entry-Level)
  • Task-Mapping light (2 Stunden pro Rolle, kein Perfektionismus)
  • KI-Policy Minimum Viable: Do’s/Don’ts, Daten, Tools, Verantwortlichkeiten

31–60 Tage

  • Pilot „Job Redesign“ in 1–2 Bereichen (z.B. Finance Ops, HR Ops, Legal Ops)
  • Entry-Level-Prototyp bauen (Praktikum/Trainee neu) inkl. Skill-Assessment
  • Lernpfade: KI-Grundlagen + funktionsspezifische Use Cases

61–90 Tage

  • Interne Mobilität forcieren: „From declining tasks to growing work“
  • Vergütungs- und Karrierepfade gegenchecken (Entwertung vermeiden)
  • KPI-Set: Produktivität + Qualität + Mitarbeitererleben + interne Übergangsquote

Fazit: Der „Tsunami“ ist keine Naturkatastrophe – er ist ein Managementtest

Die WirtschaftsWoche zeigt die Spannweite: Optimisten, Skeptiker, Mahner – und alle haben irgendwo recht. (WirtschaftsWoche)
Für mich als HRler ist entscheidend:

  • Nicht: „Wie viele Jobs streichen wir?“
  • Sondern: „Wie bauen wir Arbeit so um, dass Menschen mit KI bessere Ergebnisse liefern – und wir die Pipeline nicht zerstören?“

Wer HR auf Admin reduziert, wird vom Wandel überrollt. Wer HR als Architekt von Arbeit, Skills und Übergängen versteht, wird nicht nass – der baut den Deich.

Viel Erfolg bei Ihrer Arbeit. Sie ist so wichtig.

Mit meinen besten Grüßen

Ihr Marcus K. Reif

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