Tjalf: Marcus, schรถn, dich wieder hier zu haben. Wir kennen uns seit 20 Jahren, du bist HR-Experte, Blogger, Autor โ und bleibst trotzdem Personaler. Warum eigentlich? Was treibt dich an?
Marcus Reif: Die Grรผnde verรคndern sich von Jahr zu Jahr. Gerade in der Krise sehe ich, wie wichtig gute Personalarbeit ist. Wir haben 25, 30 Jahre an Themen wie Fachkrรคftemangel, Employer Branding und Kultur gearbeitet โ und ich habe den Eindruck, dass das gerade alles รผber Bord geworfen wird. Vielleicht ist das heute mein Kernmotiv: diese Errungenschaften zu verteidigen. Ich glaube fest daran, dass HR einen direkten Einfluss auf Kultur, Werte und Fรผhrungsqualitรคt hat.
Tjalf: Wenn du auf die aktuelle Lage schaust โ wo liegt die grรถรte Krise von HR? Im Markt, im Wandel, im Menschen oder in unserer Denkweise?
Marcus Reif: Fรผr mich ist es nach wie vor der Stellenwert der HR-Funktion. Wir haben keine starke Stimme. In der aktuellen Lage fรคllt HR wieder zurรผck in alte Muster: Mitarbeiter abbauen, OPEX sparen, Kosten schneiden. Recruiting, Talent Acquisition, Employer Branding โ alles Themen, die vorher Prioritรคt hatten โ sind plรถtzlich uninteressant. Viele Geschรคftsfรผhrer sagen offen: โRecruiting brauchen wir gerade nicht.โ Das Pendel ist wieder auf die Arbeitgeberseite ausgeschlagen.
Tjalf: Was macht das im Alltag sichtbar?
Marcus Reif: Ein Indikator ist die Betreuungsquote: Frรผher lag sie bei einem HR-Profi zu 150โ250 Mitarbeitenden. Heute sind es eher 1 zu 400โ500. Da bleibt keine Zeit fรผr echte Personalarbeit. Man rennt nur noch mit der Feuerpatsche durch die Organisation und bekรคmpft Flรคchenbrรคnde.
Tjalf: In Krisen reagieren Unternehmen reflexartig: Sparprogramme, Einstellungsstopp, weniger Weiterbildung. Ist das klug?
Marcus Reif: Nein. Ein Travel Ban im Q3 ist kein gutes Management. Es zeigt nur, dass vorher schlechte Entscheidungen getroffen wurden. Schlechte Fรผhrung ist der Hauptgrund fรผr spรคtere harte Sparmaรnahmen. HR muss eigentlich verhindern, dass man in solche Situationen reinrutscht.
Tjalf: Sind wir in HR eher Feuerwehr, Krisenmanager oder doch Zukunftsgestalter?
Marcus Reif: In der Realitรคt sind wir operative Arbeitsdrohnen. Vertragswesen, Payroll, Dokumente โ transaktionale Aufgaben dominieren. Fรผr Succession Planning, Kompetenzprofile, Potenzialanalysen braucht man Zeit. Die hat derzeit kaum jemand. Nachfolgeplanung passiert oft ad hoc, zufรคllig oder nach Bauchgefรผhl.
Tjalf: Was sollte HR jetzt strategisch tun?
Marcus Reif: Man muss die Krise ausblenden. Gute HR-Arbeit besteht immer aus konsequenten Handeln, wie Strukturen prรผfen, Prozesse modernisieren, Automatisieren, Lean-Management etablieren, OPEX/CAPEX balancieren, Betreuungsquoten analysieren, Fรผhrungskrรคfteentwicklung stรคrken. Und: Wir mรผssen Fรผhrungskrรคften echte Beratung bieten.
Tjalf: Viele Mitarbeitende sind erschรถpft. Wie gibt man Orientierung?
Marcus Reif: Indem HR die Fรผhrung stรคrkt. Psychologische Sicherheit und Resilienz sind zentrale Themen. Viele Probleme entstehen durch fehlende Fรผhrungswirksamkeit.
Tjalf: Welche Rolle spielt Kultur in Krisen?
Marcus Reif: Kultur zeigt sich besonders, wenn es unangenehm wird. Wenn ein Unternehmen Werte, Regeln und Grenzen definiert hat, bleibt es stabil. Wenn nicht, wird alles beliebig.
Tjalf: Was sind die wichtigsten Weichenstellungen fรผr die nรคchsten Jahre?
Marcus Reif: Weg von Jahreszielen, raus aus der Noten- und CV-Fixierung, mehr Fokus auf Potenziale, psychologische Sicherheit, Fรผhrung als Kulturverstรคrker, KI und Technologie massiv nutzen, digitale Personalakte und -Prozesse einfรผhren.
Tjalf: Wenn du nur eine Prioritรคt setzen dรผrftest?
Marcus Reif: HR muss wieder relevant werden. Keine Business-Entscheidung ohne HR am Tisch.
Tjalf: Danke fรผr deine Klarheit, Marcus. Vielleicht ist die eigentliche Krise weniger das Auรen โ sondern das, was wir im Inneren nicht verรคndern. HR hat den grรถรten Hebel, wenn wir Haltung zeigen, mutig bleiben und den Menschen wieder ins Zentrum rรผcken.
Marcus Reif: Danke dir.
