Die Frage nach der Gehaltsvorstellung ist für viele Bewerberinnen und Bewerber ein Stolperstein. Wer zu hoch ansetzt, befürchtet, sofort aussortiert zu werden. Wer zu niedrig liegt, läuft Gefahr, sich unter Wert zu verkaufen. Aber stimmt die These wirklich: Fliegt man mit dem falschen Gehaltswunsch aus dem Prozess? Die ehrliche Antwort: ja, tun sie. Die richtige Antwort wäre: nein, sollten Sie nicht.
Realität im Recruiting

Aus meiner langjährigen HR-Praxis kann ich sagen: Ja – und Nein. Natürlich gibt es Recruiting-Manager, die Bewerbungen mit „überzogenen“ Forderungen direkt aussortieren. Ich habe selbst schon Sätze gehört wie: „Einen Berufsanfänger, der 80.000 Euro fordert, lade ich gar nicht erst ein.“ Solche Reaktionen sind Realität.
Aber ebenso oft erlebe ich das Gegenteil: Ein ambitionierter Gehaltswunsch kann auch als Signal verstanden werden. Er zeigt Selbstbewusstsein, Marktkenntnis und ein klares Bewusstsein für den eigenen Wert. Entscheidend ist, wie gut der Wunsch zur Rolle, zur Branche und zum eigenen Profil passt.
Was heißt „angemessen“?
Die Basis einer realistischen Gehaltsvorstellung ist Recherche. Wer sich bewerben möchte, sollte sich so vorbereiten, als ginge es um ein Referat über das Unternehmen:
- Branche: Ein kaufmännischer Beruf im Bankensektor zahlt deutlich mehr als derselbe Job in der Gastronomie.
- Tarifverträge & Tabellen: Öffentliche Quellen wie Gehaltsreports, Tarifverträge oder Glassdoor geben Orientierung.
- Region: Frankfurt/Main ist ein anderer Markt als Mecklenburg-Vorpommern.
- Berufserfahrung: Einsteiger und Senior Professionals haben völlig unterschiedliche Bandbreiten.
Der psychologische Faktor
Gehalt ist mehr als nur eine Zahl. Es ist Ausdruck von Wertschätzung, Marktwert und Selbstbild. Wer sich unter Wert verkauft, signalisiert unbewusst Unsicherheit. Wer zu hoch pokert, wirkt schnell realitätsfern. Der Sweet Spot liegt in einer Range, die ambitioniert, aber marktgerecht ist.
Praktische Tipps für Bewerber
- Formuliere eine Gehaltsspanne, nicht nur eine Zahl. Das signalisiert Flexibilität.
- Recherchiere die üblichen Bandbreiten für deine Rolle und Branche.
- Verknüpfe deine Forderung mit Kompetenzen, Erfolgen oder spezieller Expertise, die du einbringst.
- Bleib authentisch: Ein unrealistischer Wunsch fällt spätestens im Gespräch auf.
Fazit
Man fliegt nicht automatisch wegen eines falschen Gehaltswunsches aus dem Bewerbungsprozess. Was zählt, ist die Begründung. Wer seine Forderung fundiert herleitet, kann selbstbewusst auftreten – ohne als überheblich zu wirken.
Mein Rat: Bereite dich gründlich vor, nenne eine realistische Spanne und sei dir deines Wertes bewusst. Das Gehalt ist kein Tabu, sondern ein Teil des professionellen Austauschs zwischen Arbeitgeber und Kandidat.
Viel Erfolg bei Ihrer Arbeit. Sie ist so wichtig.
Mit meinen besten Grüßen
Ihr Marcus K. Reif










