Wenn der Azubi fragt, ob der Recruiting-Prozess auch als Reel verfügbar ist
Es gibt Momente im Leben eines Personalers, da spürt man: Die Welt hat sich weitergedreht. Zum Beispiel, wenn man im Bewerbungsgespräch sitzt, freundlich fragt „Was wissen Sie denn über unser Unternehmen?“ – und die Antwort lautet: „Ich habe Sie gegoogelt, auf TikTok gesucht und ChatGPT gefragt, ob Ihre Kununu-Bewertungen glaubwürdig klingen.“
Willkommen im Recruiting der Generation Alpha.
Noch ist es nicht der Normalfall. Aber es kommt. Und zwar nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern bereits jetzt an den Rändern des Arbeitsmarkts: Praktika, Schülerjobs, Ausbildung, duales Studium. Die ältesten Vertreter der Generation Alpha sind 2010 geboren. Nach der häufig verwendeten Definition von McCrindle umfasst diese Generation die Geburtsjahrgänge 2010 bis 2024. Das bedeutet: Die ersten von ihnen sind 2026 etwa 16 Jahre alt und treten langsam in Kontakt mit Arbeitgebern. Nicht als Vorstandskandidaten. Noch nicht. Aber als Bewerberinnen und Bewerber für Ausbildung, Praktikum und erste berufliche Orientierung. Und wir sollten vorbereitet sein. Nicht hysterisch. Nicht anbiedernd. Aber vorbereitet.
Diese Generation ist nicht „noch digitaler“. Sie kennt es schlicht nicht anders.
Bei Millennials hieß es: „Die sind mit dem Internet groß geworden.“ Bei Gen Z hieß es: „Die sind mit dem Smartphone groß geworden.“ Bei Gen Alpha wird man sagen müssen: „Die sind mit algorithmischer Realität groß geworden.“
Das ist ein Unterschied. Für sie ist digitale Information nicht ein Kanal neben anderen. Sie ist die Umgebung. Sie wachsen mit Sprachassistenten, Streaming, personalisierten Feeds, Lernplattformen, YouTube-Tutorials, KI-Tools und Sofortantworten auf. Die KIM-Studie 2024 zeigt: Bereits 46 Prozent der 6- bis 13-Jährigen in Deutschland besitzen ein eigenes Handy oder Smartphone; bei den 12- bis 13-Jährigen sind es 79 Prozent.
Und bei Jugendlichen insgesamt ist das Smartphone längst kein Accessoire mehr, sondern ein permanenter Begleiter. Die JIM-Studie 2025 weist eine durchschnittliche Smartphone-Bildschirmzeit von knapp vier Stunden täglich aus. Mit zunehmendem Alter steigt dieser Wert weiter. Das heißt nicht, dass diese Generation automatisch kompetenter, reflektierter oder produktiver mit digitalen Medien umgeht. Das wäre ein romantischer Irrtum. Aber sie ist schneller im Zugriff, ungeduldiger bei schlechter Nutzerführung und deutlich weniger bereit, analoge Umständlichkeit als „professionellen Prozess“ zu akzeptieren.
Das Bewerbungsgespräch wird kürzer. Nicht unbedingt oberflächlicher.
Viele Arbeitgeber verwechseln Länge mit Tiefe. Ein dreistufiger Bewerbungsprozess mit zwei Formularen, einem Assessment, einem halbstündigen „Cultural Fit“-Gespräch und vier Wochen Funkstille ist nicht gründlich. Er ist oft nur langsam. Generation Alpha wird sehr wahrscheinlich wenig Ehrfurcht vor solchen Ritualen haben. Sie wird fragen, was der Prozess bringt. Wie lange er dauert. Warum sie dieselben Daten dreimal eingeben soll. Warum das Karriereportal auf dem Smartphone aussieht wie ein SAP-Formular aus der Spätkreidezeit. Und warum niemand antwortet, obwohl überall „Wir freuen uns auf deine Bewerbung“ steht. Die unbequeme Wahrheit: Viele Recruiting-Prozesse überleben nur deshalb, weil Bewerberinnen und Bewerber sie bislang ertragen haben. Die Generation Alpha wird weniger ertragen. Und das ist gut so.
Der neue Klassiker im Bewerbungsgespräch: „Was genau lerne ich hier eigentlich?“
Früher fragte der Arbeitgeber: „Warum sollten wir uns für Sie entscheiden?“
Künftig fragt der Bewerber: „Warum sollte ich meine Lernzeit bei Ihnen investieren?“
Das klingt frech. Ist aber legitim.
Gerade bei Ausbildung und Berufseinstieg wird die Lernkurve zentral. Junge Menschen kommen nicht nur, um Aufgaben zu erledigen. Sie kommen, um Fähigkeiten aufzubauen. Sie wollen wissen, ob Ausbildung wirklich Ausbildung ist – oder nur günstige Sachbearbeitung mit Berufsschule. Unternehmen müssen deshalb viel konkreter werden:
- Was lernt jemand in den ersten drei Monaten?
- Wer begleitet die Person?
- Wie sieht Feedback aus?
- Welche Tools werden genutzt?
- Welche Entwicklungspfade gibt es?
- Wie wird mit Fehlern umgegangen?
- Und was passiert, wenn jemand mehr kann als der Ausbildungsplan vorsieht?
„Bei uns bekommt man spannende Einblicke“ wird nicht reichen. Das ist kein Angebot. Das ist Nebel.
Humorvoll betrachtet: Die neue Gesprächsdynamik
Stellen wir uns ein Bewerbungsgespräch mit einem 16-jährigen Alpha-Bewerber für eine Ausbildung vor.
HR: „Schön, dass du da bist. Wie bist du auf uns aufmerksam geworden?“
Bewerber: „Über Ihre Stellenanzeige. Also eigentlich über einen Screenshot davon, den jemand in einer WhatsApp-Gruppe geteilt hat, weil das Layout so wild war.“
HR: „Was hat dich an der Stelle interessiert?“
Bewerber: „Sie schreiben, Sie seien digital. Aber die Bewerbung musste ich als PDF hochladen und danach die Daten nochmal einzeln eintippen. Das fand ich mutig.“
HR: „Was erwartest du von deinem Arbeitgeber?“
Bewerber: „Ehrliches Feedback, klare Aufgaben, gute Einarbeitung, keine toxische Stimmung und WLAN, das funktioniert.“
HR: „Wo siehst du dich in fünf Jahren?“
Bewerber: „Kommt darauf an, ob Sie mich entwickeln oder nur verwalten.“
Man kann darüber lachen. Man sollte es aber ernst nehmen.
Denn unter der Ironie liegt ein valider Punkt: Junge Bewerberinnen und Bewerber werden die Inkonsistenzen im Arbeitgeberauftritt schneller erkennen. Außen modern, innen kompliziert – das fällt auf. Purpose auf der Website, Funkstille im Prozess – das fällt auf. „Flache Hierarchien“ in der Anzeige, aber sieben Freigabeschleifen bis zum Gespräch – auch das fällt auf.
Die Generation Alpha ist nicht „respektlos“. Sie ist vergleichsverwöhnt.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Diese Generation ist nicht automatisch unhöflich, illoyal oder anspruchsvoll im negativen Sinne. Sie ist es gewohnt, dass digitale Services schnell, intuitiv und personalisiert funktionieren. Sie vergleicht Arbeitgeber nicht nur mit anderen Arbeitgebern. Sie vergleicht den Bewerbungsprozess mit jeder guten App, jedem funktionierenden Onlineshop und jedem sofort verfügbaren Lernvideo. Das ist unfair? Vielleicht. Aber der Arbeitsmarkt war noch nie ein Fairness-Seminar.
Wenn ein Unternehmen einen komplizierten Bewerbungsprozess hat, wird die Generation Alpha nicht denken: „Das ist bestimmt historisch gewachsen.“ Sie wird denken: „Warum ist das so schlecht?“ Und sie wird damit nicht völlig falsch liegen.
Was Arbeitgeber jetzt lernen müssen
Der erste Reflex vieler Organisationen wird sein, sich jugendlicher zu geben. Mehr Emojis. Mehr Videos. Mehr „Hey du“. Mehr Azubi-Takeover. Mehr Hoodie auf der Karriereseite. Das kann funktionieren. Muss aber nicht. Man kann auch sehr modern wirken und trotzdem peinlich sein. Entscheidend ist nicht die Verpackung. Entscheidend ist die Substanz. Ein gutes Bewerbungsgespräch mit der Generation Alpha braucht fünf Dinge:
Erstens: Klarheit.
Was ist die Rolle? Was wird erwartet? Was wird gelernt? Wie läuft der Prozess? Wer entscheidet bis wann?
Zweitens: Geschwindigkeit.
Nicht hektisch. Aber verbindlich. Wer junge Talente wochenlang warten lässt, verliert sie nicht an die Konkurrenz. Man verliert sie an Desinteresse.
Drittens: Echtheit.
Diese Generation ist mit Inszenierung aufgewachsen. Sie erkennt Inszenierung. Hochglanz ohne Substanz ist kein Employer Branding, sondern Bewerbungstheater.
Viertens: Dialogfähigkeit.
Das Bewerbungsgespräch ist kein Verhör. Es ist ein gegenseitiger Realitätscheck. Gute Bewerberinnen und Bewerber werden Fragen stellen. Arbeitgeber sollten das nicht als Anmaßung interpretieren, sondern als Reifezeichen.
Fünftens: Lernarchitektur.
Gerade im Einstieg zählt nicht nur die Aufgabe, sondern das System dahinter: Anleitung, Feedback, Mentoring, Fehlerkultur, Entwicklung.
Der vielleicht größte Fehler: Generation Alpha mit Gen Z verwechseln
Viele Unternehmen sind noch damit beschäftigt, Gen Z zu verstehen. Flexible Arbeit, Sinn, mentale Gesundheit, Feedback, Entwicklung, Haltung. Kaum ist das halbwegs angekommen, steht schon die nächste Generation vor der Tür. Aber Generation Alpha ist nicht einfach Gen Z mit besserer Kamera.
Sie wird noch stärker durch KI, Plattformlogik, Kurzformat-Kommunikation und personalisierte Informationsräume geprägt sein. Die JIM-Studie 2025 zeigt bereits bei Jugendlichen, dass KI-Chatbots regelmäßig als Recherche- und Fragewerkzeug genutzt werden; vier von zehn Jugendlichen stellen solchen Tools regelmäßig gezielte Fragen. YouTube, Websites und Social Media spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Informationssuche. Für Recruiting bedeutet das: Arbeitgeberkommunikation wird nicht mehr nur gelesen. Sie wird gesucht, gefiltert, verglichen, zusammengefasst, bewertet und vermutlich auch von KI interpretiert. Die Arbeitgebermarke ist also nicht mehr das, was in der Anzeige steht. Sie ist das, was aus allen verfügbaren Signalen rekonstruiert wird.
Was Bewerberinnen und Bewerber der Generation Alpha vermutlich fragen werden
Nicht alle. Natürlich nicht. Generationenmodelle sind Landkarten, keine Diagnosen. Aber einige Fragen werden wahrscheinlicher:
- „Wie sieht ein typischer Tag wirklich aus?“
- „Wer ist mein Ansprechpartner, wenn ich nicht weiterkomme?“
- „Wie oft bekomme ich Feedback?“
- „Welche digitalen Tools nutzt ihr?“
- „Darf ich KI für Aufgaben verwenden?“
- „Wie geht ihr mit Fehlern um?“
- „Was passiert, wenn ich schneller lerne als geplant?“
- „Warum sollte ich genau bei euch anfangen?“
Die letzte Frage ist die wichtigste. Und sie ist für viele Arbeitgeber unangenehm. Weil sie zwingt, das eigene Angebot präzise zu machen. Nicht als Arbeitgeberkampagne. Sondern als Arbeitsrealität.
Die Pointe: Generation Alpha zwingt uns zu besserem Recruiting
Man kann sich über neue Generationen lustig machen. Das ist leicht. Jede Generation hält die nächste für verwöhnt und die vorherige für veraltet. Das gehört offenbar zum menschlichen Betriebssystem. Aber im Kern geht es um etwas anderes. Die Generation Alpha wird viele Schwächen sichtbar machen, die längst da sind: schlechte Prozesse, unklare Rollen, langsame Entscheidungen, schwache Führung, fehlendes Feedback, unprofessionelle Kommunikation und Employer Branding ohne Betriebswahrheit.
Das Problem ist also nicht die Generation Alpha. Das Problem ist, dass sie unsere Ausreden nicht mehr besonders lange akzeptieren wird. Und vielleicht ist genau das ihr größter Beitrag zum Arbeitsmarkt. Sie wird nicht alles besser machen. Sie wird nerven, fragen, vergleichen, abbrechen, kommentieren, vielleicht auch mal überschätzen, was ein Chatbot wirklich weiß. Aber sie wird Arbeitgeber zwingen, sauberer zu erklären, schneller zu reagieren und ehrlicher zu führen. Das ist unbequem. Aber unbequem ist oft der Anfang von professionell.
Fazit
Das Bewerbungsgespräch mit der Generation Alpha wird kein Zirkus. Es wird auch kein pädagogischer Streichelzoo. Es wird ein Realitätscheck.
- Für junge Menschen: Was bietet mir dieser Arbeitgeber wirklich?
- Für Unternehmen: Sind wir so gut, wie wir behaupten?
- Für HR: Ist unser Recruiting-Prozess ein Zugang zum Unternehmen – oder bereits der erste Kündigungsgrund?
Die Generation Alpha kommt nicht mit Zauberkräften. Aber mit einem anderen Erwartungshorizont. Sie erwartet Geschwindigkeit, Klarheit, digitale Anschlussfähigkeit und echte Entwicklung. Wer das als Zumutung empfindet, sollte weniger über junge Menschen klagen und mehr am eigenen System arbeiten.
Denn am Ende ist ein gutes Bewerbungsgespräch immer noch sehr analog: Zwei Seiten sitzen sich gegenüber und prüfen, ob Vertrauen entstehen kann. Nur dass eine Seite inzwischen vorher schon ChatGPT gefragt hat, welche Fragen sie stellen sollte.
Viel Erfolg bei Ihrer Arbeit. Sie ist so wichtig.
Mit meinen besten Grüßen
Ihr Marcus K. Reif




