Personalberatung ist nicht gleich Personalberatung. Wir haben Recruiting-Agenturen, Personalberater fรผr Direktansprache und das Segment des Executive-Searchs. In Deutschland arbeiten 7.500 Headhunter, diese generierten mit insgesamt 14.500 Mitarbeitern rund 2,4 Mrd. Euro Umsatz. Auf die Ergebnisse des Jahres 2024 warte ich, man kann davon ausgehen, dass die Branche analog der letzten Jahre wieder prosperiert mit leichtem Wachstum, was den Polykrisen geschuldet sein wรผrde. Nehmen Sie das Thema wichtig, denn Headhunter kรถnnen Ihre Karriere beflรผgeln.
Mit all den Entlassungen und den Stellenstreichungen, die nahezu tรคglich durch die Medien gehen, hat man das Gefรผhl, dass die geschรคftserfolgskritische Disziplin Recruiting und Talent Acquisition der Vergangenheit angehรถren. Doch der Eindruck tรคuscht hoffentlich. Unternehmen reagieren mit hartem OPEX-Management auf die Polykrise und dem enger werdenden finanziellen Spielraum. Das verschiebt die Handlungszonen. Gefรผhlt gab es im HR in den letzten 1,5 Jahren kaum nennenswerte Vakanzen. Menschen kรผndigen in der Krise seltener, neue Stellen werden nur behutsam geschaffen, durch Fluktuation freigewordene Rollen oftmals rationalisiert oder intern besetzt. Nichtsdestoweniger verkennen wir die Notwendigkeit, unsere internen Recruiting-Fรคhigkeiten auf hรถchstes Niveau zu entwickeln, aber auch die externen Instrumente, zu denen die Personalagenturen und Headhunter gehรถren, auszubauen.
Mit wem mรถchten Sie arbeiten?
Meist erfolgt die Auswahl des externen Recruiting-Dienstleisters auf Basis des Vertrauens. Man kennt jemanden, vertraut ihm, gibt ihm Auftrรคge. So werden gut โ aller Auftrรคge vergeben. In grรถรeren Firmen und in Konzernen spielt auch eine Rolle, mit welchem Beratungsunternehmen man bevorzugt arbeitet. In Branchen, auf gewissen Senioritรคten und in bestimmten Segmenten spielt auch der groรe Name der Personalberatung eine Rolle.
Stellen Sie sich bspw. die Frage: was wollen Sie ausgeben? Damit kommen Sie von einer รถkonomischen Perspektive der Lรถsung, welchen Dienstleister Sie nutzen sollten, schon recht nahe. Oft entscheiden Firmen anhand des Budgets. Bedenken Sie, dass die alte Regel auch bei den Personalberatungen gilt: โyou get what you pay!โ. Der gรผnstigste ist nicht der beste.
Der Vollstรคndigkeit halber mรผssen wir noch รผber die Definition der Personalberatung sprechen. Die Kategorie Personalberatungen umfassen deutlich mehr als das Segment der Personalgewinnung, nรคmlich Personalstrategie, Personalmarketing, Personalbeschaffung, Personaleinsatz, Personalentwicklung und Personalfreisetzung. Umgangssprachlich sind Personalberater allerdings synonym zu Headhuntern, also bleiben wir dabei, dass es hier um Personalgewinnung geht.
Heute sind immer noch viele Firmen der Meinung, dass man mit erfolgsorientierten Recruiting-Agenturen allen Recruiting-Herausforderungen gerecht wird. Die Zeiten, dass Headhunter ab 33 % des Erstjahresgehalt tรคtig werden, sind schon lange rum. Doch nur erfolgsorientiert arbeiten zu lassen, wird Sie auf Dauer nicht glรผcklich machen.
Renommierte Personalberatungen erkennt man sicherlich an der Fรคhigkeit eines eigenen Researchs, guten und zuverlรคssigen Referenzen sowie einem Ethos guter Arbeit. Das reine โVertickenโ von Lebenslรคufen hingegen gehรถrt nach meiner Beobachtung nicht zu diesem Segment. Das Honorarmodell ist ebenfalls ein Aspekt, der zur Auswahl eines leistungsfรคhigen Personalberaters dazu gehรถrt.
Wer sind denn nun die Top-Personalberatungen? Umsatz ist ein Kriterium, um einen Blick auf Organisationsgrad, Prozessdurchdringung und Strukturen zu bekommen. Fรผr Personalberater ist aber das Netzwerk das alles entscheidende Kriterium. Aus meiner Sicht muss man vor einer Mandatierung einer Personalberatung segmentieren:
- welche Senioritรคt wird gesucht?
- welche Branchenexpertise ist vonnรถten?
- welche Kompetenzorientierung soll der zukรผnftige Mitarbeiter mitbringen?
- zu welchen Konditionen und welchem Mandatsrisiko darf beauftragt werden?
Personalberater, die fรผr 5.000 Euro Kandidaten suchen, arbeiten sicherlich mit einer eigenen Datenbank oder einer recht losen Direktsuche in รถffentlich zugรคnglichen Netzwerken im Internet. Eine tiefgreifende Recherche, wer in welcher Branche und welchem Berufsfeld die besten Akteure sind, kann es fรผr diesen Preis nicht geben. Beispielsweise auf Linkedin oder Xing, den Lebenslaufdatenbanken und Business-Foren kann man schon zรผgig Ergebnisse erhalten. Eine qualitรคtsorientierte Direktansprache, mit intensivem Research und einem Gesprรคch durch den Personalberater im Vorfeld der รbermittlung an den Kunden, wird ihren Preis haben. Irgendwo zwischen 22-30 % des Jahresgehalts sind die Honorare angesiedelt. Man sollte hier eher auf Qualitรคt achten, wenigen auf das Honorar. Denn einen Kandidaten zu suchen mit drei Jahren Berufserfahrung dรผrfte jedem Personalberater schwer fallen. Doch jemand zu finden, der 10-15 Jahre Expertise mitbringt und einer von 300 auf dem Markt agierenden Experten ist, ist die eigentliche Herausforderung.
Struktur der Personalberatungen
- Executive-Search
- Direkt-Search
- Personalvermittler
- Lebenslaufmakler
- Online-Agenturen
- Arbeitnehmerรผberlassung
- Interim-Management
Also auch hier gilt, den richtigen Dienstleister fรผr den richtigen Bedarf zu finden.
Retainer oder Contingency?
Die hiesigen Personalberatungen arbeiten entweder auf Basis eines โRetainerโ oder โContingencyโ โ also im Fall von โContingencyโ mit einer reinen Erfolgsorientierung โ Bezahlung nur bei Einstellung โ oder mit festen Honorar-Staffeln.
Retainer: Sie bezahlen einen Teil der Suche schon zu Beginn sowie zu festgelegten Meilensteinen. Beispielsweise ist eine oft verwendete Methode die Drittelregelung: 1/3 bei Auftragserteilung, 1/3 bei Kandidatenvorstellung und das letzte 1/3 bei Einstellung.
Natรผrlich gibt es auch Modelle mit vier Rechnungen, 50 % Kick-on-Rate und etliche andere Modi, angefangen von Mindesthonorar bis hin zu anderen Verteilungen der Raten. Da wir immer noch Vertragsfreiheit in Deutschland haben, gibt es keine feste Regeln. Es herrscht die Meinung vor, dass Retainer besser abgearbeitet werden, weil die Ernsthaftigkeit der Mandatierung โ Firma zahlt vorab โ hรถher ist im Vergleich zur Erfolgsorientierung.
Contingency: der Personalberater wird nur im Einstellungsfall ein Honorar erhalten. Firmen lieben dies, weil sie ihr รถkonomisches Risiko minimieren. Das funktioniert auch in etlichen Fรคllen ganz gut, meist bei den Lebenslaufmaklern, die Ihnen Lebenslรคufe schicken und falls einer davon passt, ist das ein eintrรคgliches Geschรคft fรผr beide Seiten. Aber nicht, wenn Sie eine Suche mandatieren wollen!
Deckeln Sie das Honorar: Wenn Sie Vorstandsmitglieder oder Geschรคftsfรผhrer suchen, denen Sie sehr hohe Gehรคlter zahlen, deckeln Sie lieber das Honorar. Gerade erst hรถrte ich von einem Placement bei einem lokalen Finanzinstitut, welches einen Sprecher des Vorstands einstellte. Gehalt: 3 Mio. Euro. Der Personalberater schickte die Rechnung: sie war siebenstellig. Und ich bin sicher, jeder andere Personalberater wรคre auch mit einem Honorar von 300.000 Euro zufrieden gewesen.
Senioritรคt?
Eine Faustregel aus meiner Sicht โ je seniorer die gesuchte Persรถnlichkeit, desto renommierter muss die Personalberatung sein. Hier empfehlen sich Personalberatungen mit รผbergeordneter Bekanntheit und Bedeutung. Denken Sie also weniger branchenorientiert, sondern an die groรen 5 Headhunting-Firmen oder die hochwertigen Boutiquen.
Markt- oder Deskresearch
Wer Profile rekrutiert mit 3-6 Jahren Berufserfahrung sollte sowieso besonders darauf achten, welche Beratung er mandatiert. Die groรen und renommierten Personalberatungen arbeiten mit eigenem Research und damit mit einer hรถheren Mindestkostenstruktur. Unter 35.000 Euro Honorar kรถnnen die eigentlich nicht anfangen zu arbeiten. Das Jahresgehalt eines solchen Profils entsprรคche aber einem Prozenthonorar von rund 40-50 %, also viel zu teuer. Ergo steigen die Kosten pro Einstellung und der Personalberater mรผht sich in einem Segment, fรผr das er originรคr nicht ausgerichtet ist. Also gilt eher eine Personalberatung zu finden, die einen Desk-Research in Business- und sozialen Netzwerken als Schwerpunkt leistet. Ein Marktresearch bei dieser Zielgruppe ist einfach zu teuer.
Exklusivitรคt
Aus beider Sicht sollte es nur eine rein exklusive Mandatierung von Personalberatungen geben. Ich verstehe Unternehmen nicht, die โ vermutlich aufgrund Panik โ mehrere Personalberatungen parallel arbeiten lassen. Ich hatte das letztes Jahr am eigenen Leib erfahren. Ich wurde angesprochen auf eine Stelle bei einer Bank. Kam darรผber in den Prozess รผber eine renommierte Personalberatung. Die Chemie zwischen dem Hiring-Manager und mir war nicht ideal. Der Headhunter sagte mir ab. Eine Woche spรคter eine Ansprache รผber eine weitere der Top-10-Personalberatungen. Habe freundliche Grรผรe an den Auftraggeber รผbermitteln lassen. Vier Wochen spรคter kam die Anfrage รผber eine der weiteren Top-Personalberatungen. Drei Personalberatungen, allesamt eine grundsolide Marktrecherche, allesamt vermutlich mit den richtigen (und gleichen) Personen gesprochen. Verrรผckt. Welches Bild zeichnet der Auftraggeber nur im Markt?
Wenn die gewรผnschte Zielgruppe und damit der zukรผnftige Kollege gleich von mehreren Personalberatern kontaktiert wird, ist diese Wirkung mehr als negativ, somit direkt ein negativer Impact auf das Employer-Branding. Das sollte man tunlichst vermeiden.
Branchenspezialisten
Ab wann sollte man auf reine Branchenspezialisten zugreifen? Die Antwort drehe ich mal um. Sobald Sie eine Senioritรคt von Bereichsleiter und darรผber hinaus rekrutieren wollen, tritt aus meiner Erfahrung die Branchenexpertise in den Hintergrund. Die Fรคhigkeit zur Identifizierung, Ansprache und Begeisterung der gewรผnschten Persรถnlichkeiten ist hier prioritรคr. Natรผrlich ist das sprichwรถrtliche goldene Adressbuch eines erfahrenen Headhunters sein Geld wert. Doch in Zeiten sozialer Netzwerke, wie Xing und Linkedin, Blogs und eigener Webseiten sind proprietรคre Lebenslaufdatenbanken auch nicht mehr alleine glรผcklich machend.
Briefing
Ohne ein umfassendes Briefing sollten Sie nie eine Personalberatung laufen lassen. Konsistente Botschaften fรผr Ihren Dienstleister als verlรคngerten Arm Ihrer Rekrutierung und eben Botschafter Ihrer Marke. Da sollte der Dienstleister wissen, was er zu erzรคhlen hat. Schlieรlich ist das der erste Eindruck und eine Visitenkarte Ihrer Rekrutierungsstrategie und Ihres Unternehmens.
Sie sollten deshalb wissen, wer gerade in Ihrem Auftrag auf dem Markt Menschen anspricht. Und eben wie, in welcher Form und mit welchen Botschaften. Das ist auf jeden Fall ein entscheidender weicher Faktor, der dafรผr spricht, sich mit โPreferred Suppliernโ, also mittels Rahmenvertrรคgen auf eine geringe Anzahl an bevorzugten Dienstleistern festzulegen. Durch die kontinuierliche Tรคtigkeit fรผr Sie steigt auch die Verlรคsslichkeit der Botschaften!
Extrem wichtig ist die Klarheit des Suchprofils. Ich habe unzรคhlige Male erlebt, dass sich das Suchprofil รผber die Suche hinweg geรคndert hat. Arbeiten Sie sehr konkret daran, Klarheit in das gewรผnschte Profil zu bekommen. Machen Sie diesen Aufwand immer mit dem Personalberater zusammen, denn der schaut aus einer ganz anderen Perspektive auf das Profil als Sie aus der Personalabteilung oder der Hiring-Manager aus dem Fachbereich.
Die Berechnung des True-ups kรถnnen Sie hier nachlesen!
Fazit
Aus Arbeitgebersicht gibt es mehrere wesentliche Aspekte, die bei der Beauftragung und Steuerung von Headhuntern berรผcksichtigt werden sollten:
- Klare Zieldefinition und Anforderungsprofil:
Es muss von Anfang an festgelegt werden, welche Positionen besetzt werden sollen und welche Qualifikationen, Erfahrungen sowie Soft Skills die idealen Kandidaten mitbringen. Eine prรคzise Beschreibung erleichtert es dem Headhunter, zielgerichtet zu suchen. - Auswahl des richtigen Headhunters:
Neben der Reputation und Erfahrung sollte der Headhunter รผber fundierte Branchenkenntnisse und ein starkes Netzwerk verfรผgen. Referenzen und frรผhere Erfolge kรถnnen hier als Indikator fรผr die Qualitรคt der Arbeit dienen. - Transparente Vertragsgestaltung:
Vereinbarungen sollten eindeutig festlegen, welche Leistungen erwartet werden, wie Honorare (z.โฏB. erfolgsbasiert oder Festhonorar) strukturiert sind, welche Fristen gelten und wie der Datenschutz sowie Vertraulichkeit gehandhabt werden. - Effektive Kommunikations- und Reporting-Struktur:
Regelmรครige Abstimmungen und ein klar definierter Kommunikationsplan sind essenziell. So kรถnnen Fortschritte, Herausforderungen und Anpassungen im Suchprozess zeitnah besprochen werden. - Klare Erfolgskriterien und Controlling:
Legen Sie messbare KPIs (z.โฏB. Anzahl qualifizierter Kandidaten, Time-to-Hire oder Interview-Conversion-Rates) fest, um den Erfolg der Zusammenarbeit objektiv bewerten und bei Bedarf nachsteuern zu kรถnnen. - Integration in den internen Recruiting-Prozess:
Der Headhunter sollte eng mit Ihrem internen HR-Team zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass er die Unternehmenskultur und -werte angemessen reprรคsentiert und nahtlos in den bestehenden Recruiting-Prozess eingebunden ist. - Stรคrkung des Employer Brandings:
Da Headhunter oft als erste Kontaktstelle fรผr potenzielle Kandidaten fungieren, ist es wichtig, dass sie die Arbeitgebermarke authentisch und positiv vermitteln.
Diese Punkte sorgen dafรผr, dass die Zusammenarbeit mit Headhuntern strukturiert, transparent und zielgerichtet ablรคuft โ was letztlich zu einer erfolgreichen Besetzung offener Positionen beitrรคgt.
Viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.
Mit meinen besten Grรผรen
Ihr Marcus K. Reif
