Die Zahlen sehen nach Krise aus. Sind sie aber nicht – jedenfalls nicht nur.

Wer den deutschen Zeitarbeitsmarkt allein an seinen Umsatzzahlen misst, sieht drei Jahre Rückgang in Folge. Wer genauer hinschaut, sieht etwas anderes: einen Sektor, der sich aktiv neu ordnet – Anbieter, Beschäftigungsformen und Kundenbranchen inklusive. Das ist die eigentliche Geschichte des Jahres 2026.

Der Markt in Zahlen

Das Marktvolumen der Arbeitnehmerüberlassung in Deutschland ist 2025 zum dritten Mal in Folge gesunken, auf 30,6 Milliarden Euro nach 31,9 Milliarden Euro im Vorjahr. 67 Prozent der befragten Personaldienstleister verzeichneten rückläufige Umsätze, im Schnitt um 6,5 Prozent. Auf Beschäftigtenebene bestätigt die Bundesagentur für Arbeit den Trend: Seit Ende 2022 liegen die Werte durchgehend unter Vorjahresniveau, seit Anfang 2024 unter 700.000. Im Juni 2025 waren noch 622.000 Zeitarbeitskräfte sozialversicherungspflichtig beschäftigt – ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung liegt nur noch bei 1,8 Prozent.

Und trotzdem: Für 2026 erwarten die Personaldienstleister im Schnitt wieder ein Umsatzwachstum von 6,7 Prozent, für 2027 sogar 7,9 Prozent. Automobilindustrie und Maschinenbau bleiben Bremser, neue Nachfrage kommt aus Rüstung, Luft- und Raumfahrt sowie Pharma und Life Sciences.

Restrukturierung ist die eigentliche Botschaft

Das ist der Teil, den viele Umsatzmeldungen unterschlagen: Die Branche baut nicht schrumpfend, sondern gezielt um. Die Zahl der Niederlassungen führender Personaldienstleister sank von 2.246 (2024) auf 2.133 (2025) – ein Rückgang von 2,6 Prozent. Das im Kundeneinsatz tätige Personal ging sogar um 9,3 Prozent zurück. Lünendonk-Studienautor Jörg Hossenfelder bringt es auf den Punkt: Der Rückgang an Mitarbeitenden und Standorten sei „kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines tiefen Strukturwandels in der Branche". Über 70 Prozent der Top 25 setzen inzwischen regelmäßig Künstliche Intelligenz ein – vor allem in Recruiting und Bewerbermanagement.

Konkret sichtbar wird das bei Randstad Deutschland: Im Rahmen einer freiwilligen Gesamtbetriebsvereinbarung werden derzeit Aufhebungsverträge mit gestaffelter Abfindung angeboten, verbunden mit Änderungskündigungen und Standortverlagerungen. Kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines Musters, das sich branchenweit wiederholt.

Die Landkarte der Anbieter verschiebt sich

In Deutschland führt Adecco mit 1.623 Millionen Euro Umsatz (2025) die Lünendonk-Liste an, vor Randstad (1.493 Mio. €), House of HR Germany (885,8 Mio. €) und Persona service (594,4 Mio. €). Bemerkenswert: Auf Rang fünf steht erstmals die Tempton Group – mit 462 Millionen Euro und einem Wachstum von 12,3 Prozent das einzige Unternehmen der Top 5, das gegen den Trend zulegt. ManpowerGroup Deutschland ist aus den Top 5 herausgefallen.

International hat sich derweil die Führungsfrage neu gestellt: Mit 23,08 Milliarden Euro Jahresumsatz hat Adecco Randstad als weltgrößten Personaldienstleister nach Umsatz überholt. Randstad selbst hat parallel zu den Q1-2026-Zahlen ein Restrukturierungsprogramm angekündigt, das Regionalstrukturen vereinfacht und Shared-Service-Center ausbaut. ManpowerGroup fährt das ambitionierteste Programm: ein mehrjähriger Konzernumbau mit 200 Millionen US-Dollar angestrebter permanenter Kostenersparnis bis 2028 – kurzfristig sichtbar an einem auf 2,5 Millionen US-Dollar eingebrochenen Nettoergebnis bei 4,5 Milliarden US-Dollar Umsatz.

Der Blick nach Europa

Frankreich zeigt ein fast identisches Muster: 655.000 Vollzeitäquivalente im Februar 2026, ein Rückgang von 0,6 Prozent – bei gegenläufigen Branchentrends. Die Industrie wächst um 5,1 Prozent, getrieben von Transportmaterial, Verteidigung und Pharma, während der Bau um 6,5 Prozent einbricht. Dieselbe Verschiebung wie in Deutschland: weg von zyklischen Industrien, hin zu strukturell wachsenden Sektoren.

Auf europäischer Ebene läuft die Erholung höchst ungleich. Südeuropa, allen voran Spanien und Italien, wächst kräftig, während Nordwesteuropa – Deutschland eingeschlossen – der Problemfall des Kontinents bleibt.

Perspektivwechsel: Was heißt das für Personalverantwortliche?

Die naheliegende Lesart lautet: Zeitarbeit schrumpft. Die richtige Lesart lautet: Zeitarbeit wird selektiver.

Weniger Niederlassungen, weniger Zeitarbeitskräfte, aber mehr KI-gestütztes Matching und mehr Konzentration auf Wachstumsfelder wie IT, Pflege und Engineering – das ist kein Rückzug, sondern eine Verschiebung der Wertschöpfung. Für Unternehmen, die Zeitarbeit als reines Kostenventil für Auftragsspitzen begreifen, wird das Angebot enger. Für Unternehmen, die sie als strategisches Instrument zur Fachkräftesicherung nutzen, entstehen gerade die leistungsfähigeren Partner der nächsten fünf Jahre.

Zeitarbeit gilt seit jeher als Frühindikator für den Gesamtarbeitsmarkt. Wer wissen will, wohin sich die deutsche Beschäftigungslandschaft insgesamt bewegt, sollte genau jetzt genau hinsehen.

Viel Erfolg bei Ihrer Arbeit. Sie ist so wichtig.

Mit meinen besten Grüßen

Ihr Marcus K. Reif

Pin It on Pinterest

Share This
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner