EY-Jobstudie: Schwieriger Aufstieg

Jeder zweite Arbeitnehmer sieht keine Karrierechancen im eigenen Unternehmen

    • Arbeitgeber bieten zu wenig Aufstiegsmöglichkeiten – vor allem für Frauen
    • Loyalität unter deutschen Arbeitnehmern hoch – jeder Sechste sucht nach neuem Job
    • Hohe gefühlte Jobsicherheit in der Automobilbranche – in der Telekommunikationsbranche geringste Sicherheit
    • Beschäftigte zwischen 20 und 30 Jahren sind am ehesten zu Wechsel bereit

Stuttgart, 3. November 2015. Mehr als jeder zweite Arbeitnehmer fühlt sich im eigenen Unternehmen am Ende der Karriereleiter angekommen: 53 Prozent sagen, dass sie keine Aufstiegsmöglichkeiten sehen. Dabei würde sich die Hälfte von ihnen (49 Prozent) mehr Aufstiegsmöglichkeiten wünschen. Vor allem für Frauen ist der Weg nach oben häufig versperrt: Lediglich 41 Prozent sagen, dass sie Aufstiegsmöglichkeiten sehen, bei Männern liegt der Anteil bei 53 Prozent.

Trotz eingeschränkter Perspektiven sind die Beschäftigten ihrem Arbeitgeber gegenüber sehr loyal: Drei von vier Arbeitnehmern sagen von sich, dass sie sich ihrem Arbeitgeber verbunden beziehungsweise sogar sehr eng verbunden fühlen. Gar keine Verbundenheit zum Arbeitgeber verspüren lediglich vier Prozent.

Die Loyalität wird allerdings vor allem dann auf die Probe gestellt, wenn bei einem eventuellen neuen Arbeitgeber mehr Geld winkt. Fast die Hälfte – 46 Prozent – der Arbeitnehmer könnte das motivieren, den Arbeitgeber zu wechseln. Für bessere Karrierechancen würde sich jeder Fünfte einen Wechsel überlegen. Eine höhere Jobsicherheit sowie interessantere Arbeitsinhalte könnten jeweils noch 16 Prozent motivieren, künftig ihr Geld woanders zu verdienen.

Interview mit SWR1

Quelle: Sendung Arbeitsplatz | SWR1 vom 7. November 2015

Konkret setzen die deutschen Arbeitnehmer aber vor allem auf Sicherheit: Nur etwa jeder Sechste (18 Prozent) ist derzeit auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber. Nur jeder Siebte sieht sich in fünf Jahren in einer anderen Firma. Der Druck zu wechseln ist derzeit auch gering: Die Wirtschaft brummt, die Mitarbeiter werden gebraucht und müssen nicht um ihren Job fürchten. So schätzen insgesamt fast neun von zehn Arbeitnehmern (87 Prozent) ihren Job als sicher ein, 42 Prozent sogar als sehr sicher. Lediglich 13 Prozent glauben, dass ihr Arbeitsplatz gefährdet ist.

Das sind Ergebnisse der „Jobstudie 2015“ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young), für die mehr als 2.200 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland befragt wurden.

„Die gute Beschäftigungslage und starke Konjunktur in Deutschland führt nicht zu einem Anstieg der Jobwechsel. Die Mitarbeiter setzen auf Sicherheit und meiden das Risiko eines Arbeitsplatzwechsels“, kommentiert Ana-Cristina Grohnert, Managing Partner bei EY. Die hohe Verbundenheit der Mitarbeiter habe zwei Seiten: Für die Arbeitgeber sei sie sicherlich ein gutes Zeichen und ein hohes Gut. Wer sich mit seinem Unternehmen verbunden fühle, gehe motivierter zur Arbeit als jemand, der keinen Bezug zu seinem Arbeitgeber verspürt. Und die Unternehmen könnten verlässlich planen. „Allerdings könnte mehr Dynamik am Arbeitsmarkt auch zu neuen Chancen für den Standort Deutschland führen“, sagt Grohnert. „Eine dynamische Wirtschaft benötigt einen mobilen Arbeitsmarkt und aufstiegsorientierte Mitarbeiter, aber auch Unternehmen, die den Mitarbeitern genügend Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Dazu gehört auch, dass Karriere und Aufstieg gesamtgesellschaftlich höher bewertet und stärker akzeptiert sein sollten“.

Interview mit Deutschlandfunk

ZUFRIEDENHEIT AM ARBEITSPLATZ: “Auch 40-Jährige haben mittlerweile zwischen fünf und acht verschiedene Arbeitgeber”Marcus Reif im Gespräch mit Sandra Pfister

Quelle: Sendung “Campus & Karriere” im Deutschlandfunk vom 13. November 2015

Frauen sind tendenziell loyaler als Männer

Frauen sind ihrem Unternehmen gegenüber im Durchschnitt eher loyal als Männer: 26 Prozent der Frauen fühlen sich mit ihrem Arbeitgeber sehr eng verbunden – das gleiche sagen 23 Prozent der Männer von sich. Entsprechend begeben sich Frauen auch seltener auf Jobsuche als Männer: 16 Prozent der weiblichen Beschäftigten suchen einen neuen Arbeitgeber im Vergleich zu 20 Prozent der männlichen.

Männer wollen und können offenbar deutlich häufiger die Karriereleiter hinaufklettern. So sehen nicht nur deutlich mehr Männer als Frauen Aufstiegsmöglichkeiten für sich. Bei denjenigen, die für sich keine Aufstiegsmöglichkeiten im Unternehmen sehen, ist der Anteil derer, die sich welche wünschen, bei den Männern (53 Prozent) ebenfalls höher als bei den Frauen (45 Prozent).

„Obwohl viele Unternehmen intensiv daran arbeiten, mehr Frauen das Erklimmen der Karriereleiter zu ermöglichen, bleibt immer noch viel zu tun, denn nach wie vor bieten sich Frauen nicht die gleichen Karrierechancen wie Männern“, stellt Grohnert fest. „Ziel bleibt es, weibliche Nachwuchskräfte nachhaltig zu fördern. Das schließt vieles mit ein, zum Beispiel die Entwicklung einer offenen Unternehmenskultur, in der Vielfalt gelebt wird und Unterschiedlichkeit als Chance verstanden wird.“

Öffentlicher Dienst mit besten Aufstiegsmöglichkeiten

Der öffentliche Dienst bietet nach Auffassung der Befragten die besten Aufstiegsmöglichkeiten: Fast die Hälfte der beim Staat beschäftigten (49 Prozent) sieht für sich Möglichkeiten, aufzusteigen. In der freien Wirtschaft (46 Prozent) und in Verbänden (38 Prozent) ist der Anteil geringer. Dafür ist die Verbundenheit mit dem Arbeitgeber im öffentlichen Dienst (22 Prozent) geringer als in der freien Wirtschaft (26 Prozent) oder im Verband (28 Prozent). Zum Wechsel animiert das jedoch kaum jemanden. Sowohl im öffentlichen Dienst (19 Prozent), als auch im Verband und in der freien Wirtschaft (jeweils 18 Prozent) suchen nur Wenige nach einem neuen Arbeitgeber.

Hohe Verbundenheit in Automobilindustrie

Am größten ist die Identifizierung mit dem Arbeitgeber in der Automobilindustrie. Jeder dritte Beschäftigte (32 Prozent) fühlt sich sehr eng mit dem Arbeitgeber verbunden. Dahinter folgen die Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft (31 Prozent) und im Maschinen- und Anlagenbau (30 Prozent). Ein Grund dafür könnte sein, dass die gefühlte Sicherheit in der Automobilindustrie sehr hoch ist: 40 Prozent schätzen ihren Arbeitsplatz als sehr sicher ein, nur in der Konsumgüterindustrie ist das Sicherheitsgefühl genauso hoch. Trotzdem sucht auch in der Automobilindustrie immer noch jeder Fünfte nach einem neuen Arbeitgeber.

In der Telekommunikation und IT ist der Anteil derer, die sich mit ihrem Arbeitgeber „sehr eng verbunden“ fühlen, dagegen am niedrigsten: Lediglich 15 Prozent antworteten dementsprechend. Gleichzeitig gibt es in keiner anderen Branche so einen hohen Anteil an Beschäftigten, die auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber sind: Etwas mehr als jeder Vierte (26 Prozent) schaut sich auf dem Arbeitsmarkt um.

Die Telekommunikations- und IT-Branche schneidet auch bei der gefühlten Arbeitsplatzsicherheit am schlechtesten ab. Nur einer von vier Arbeitnehmern (26 Prozent) schätzt seinen Arbeitsplatz als sicher ein. Im Handel ist der Anteil mit 28 Prozent nicht ganz so niedrig. In allen anderen Branchen hält mindestens ein Drittel den Arbeitsplatz für sicher.

„Der hohe Wettbewerb und der hohe Preisdruck in der Telekommunikationsbranche hinterlassen auch bei den Arbeitnehmern ihre Spuren. Die Unternehmen, die gute Mitarbeiter halten wollen, müssen vor diesem Hintergrund das Gespräch mit ihnen suchen und ihnen klare Perspektiven für die Zukunft aufzeigen“, rät Grohnert.

EY-Jobstudie

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verfasst durch Marcus K. Reif
Passionierter Personaler, engagierter Kommunalpolitiker, stolzer Vater und treuer Eintracht-Frankfurt-Fan. Erfahren Sie mehr über mich auf meiner Profilseite. Freue mich auf den Dialog! Und bis dahin gibt es Neues auf Twitter @marcusreif