Rund 70.000 Bewerbungen gehen allein bei EY in Deutschland, Österreich und der Schweiz alljährlich ein. Da es bei den übrigen Big 4 – PwC, KPMG und Deloitte – ähnlich aussieht, müssen die Personalmitarbeiter nur in den deutschsprachigen Ländern jedes Jahr hunderttausende an Bewerbungen bewältigen.

Trotz der hohen Bewerberzahl fallen die Chancen gar nicht so schlecht aus. So stellt allein EY in den deutschsprachigen Ländern 4500 bis 5000 Mitarbeiter pro Jahr ein, wovon etwa 600 auf Berufserfahrene, 2000 auf Praktikanten und der Rest auf Absolventen entfällt, erläutert Marcus Reif, Leiter Recruitment & Employer Branding bei EY. Doch wie muss der optimale Lebenslauf für einen Job bei den Big 4 aussehen? Wir haben die Antworten:

Erzählen Sie eine Geschichte

„Das alte Lebenslauf-Modell, welches einfach nur die Stationen auflistet, ist tot“, meint Reif. „Deutsche Bewerbungen tendieren zu Vollständigkeit, ohne dabei herüberzubringen, wieso der Bewerber genau die richtige Person für die Vakanz ist.“

Dagegen sollten die Bewerber detailliert erläutern, worin ihre Tätigkeiten bestanden, welches ihre Leistungen und Erfolge waren und was ihnen besonders gefallen hat. „Am Ende muss sich eine Geschichte ergeben, die für den Recruiter interessant ist“, erläutert Reif. Diese Geschichte müsse zu dem entsprechenden Suchprofil passen. Optimalerweise  ziehe sich ein roter Faden durch den Lebenslauf und führe nahtlos zum Jobprofil.

Ganz ähnlich sieht dies Headhunter Mike Boetticher von der match personalberatung in Frankfurt, der u.a. für die Big 4 sucht. „Mein Vorgehen ist eigentlich immer das gleiche: Ich prüfe, ob das Suchprofil des Arbeitgebers mit dem Qualifikationsprofil des Kandidaten übereinstimmt. Je höher die Übereinstimmung ausfällt, umso besser.“ Aus diesem Grund sollten Bewerber genau diejenigen Punkte in ihrem Lebenslauf herausarbeiten, die für die fragliche Stelle relevant sind.

Laut Reif verwendet EY keine Roboter, um die eingehenden Bewerbungen mit dem Anforderungsprofil der Stelle abzugleichen. Die Recruiter würden sich auch mehr als zwei Minuten Zeit für die Erstsichtung nehmen. Dennoch sollten Bewerber darauf achten, die Kerninformationen prägnant herüberzubringen.

Arbeiten Sie Ihr Spezialgebiet heraus

Unter den großen Firmennamen der Big 4 verbergen sich recht unterschiedliche Geschäftsgebiete. Neben den traditionellen Sektoren wie Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung gewinnt das Beratungsgeschäft zunehmend an Bedeutung. Bewerber müssen also deutlich herausstellen, für welchen der Bereiche sie sich bewerben – zumal sich die Anforderungsprofile klar unterscheiden. „Wenn wir Berufserfahrene einstellen, dann müssen sie entsprechende Stationen im Lebenslauf haben“, betont Reif. Wer sich auf eine Stelle in der Wirtschaftsprüfung bewirbt, sollte also bereits in der Wirtschaftsprüfung gearbeitet haben oder vergleichbar relevante Erfahrungen mitbringen und einen einschlägigen Studienschwerpunkt vorweisen können.

Etwas flexibler sieht es bei Absolventen aus. „Wenn wir eine Bewerbung eines Absolventen bekommen und er passt nicht auf die Stelle, für die er sich beworben hat, dann prüfen wir, ob er nicht vielleicht für eine andere Stelle in Frage kommt.“

„Wer sich als Berufserfahrener im Advisory-Geschäft der Big 4 bewirbt, muss natürlich einen entsprechenden Track-Record in der Beratung mitbringen“, betont auch Headhunter Marcus Michel von contagi in Frankfurt. PwC, EY, KPMG und Deloitte würden gerne von anderen Big 4 einstellen. Auch Berufserfahrene von kleineren Beratungen hätten durchaus Chancen. Kandidaten von den großen Strategieberatungen und aus dem Inhouse Consulting der Banken würden indes meist Gehaltsvorstellungen mitbringen, die oberhalb des Big 4-Levels lägen.

Beachten Sie die Hierarchie

Die Big 4 kennen eine klare Hierarchie von Associate, Senior Associate, Manager, Senior Manager, Director und Partner. Erfahrene Bewerber sollte sich also genau überlegen, auf welche Stufe sie gehören, sagt Michel.

Big 4 bevorzugen deutsche Bewerbungen

EY akzeptiert im deutschsprachigen Raum sowohl Bewerbungen auf Deutsch als auch auf Englisch. Dagegen empfiehlt Boetticher deutschsprachige Lebensläufe. „Die Leute müssen später ja auch mit deutschsprachigen Kunden zusammenarbeiten, da führt um Deutsch kaum ein Weg vorbei.“ Dies gelte allerdings vornehmlich für die angestammten Geschäftsbereiche Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung. Im Bereich Consulting kämen gelegentlich auch englischsprachige Kandidaten unter. Nach Michels Erfahrung sind indes selbst im Advisory-Geschäft deutsche Lebensläufe Usus.

Überladen Sie die Bewerbungen nicht

Recruiter sind es müde, sich regelmäßig durch ewig lange Lebensläufe und endlose Anlagen durchzukämpfen. „Bei einem Absolventen sollte der ganze Lebenslauf noch auf eine Seite passen“, meint Reif. Bei berufserfahrenen Kandidaten dürften es auch zweieinhalb Seiten sein. „Wer aber über drei Seiten schreibt, ist zu detailverliebt“, warnt Reif. Bei den Anlagen empfiehlt der Experte die Konzentration auf das Wesentliche. Bei Absolventen seien dies üblicherweise Hochschul- und Abizeugnisse sowie Praktikumszeugnisse.

Breite Chancen für Akademiker

Nach Boettichers Erfahrung würden die Big 4 selten großen Wert auf bestimmte Zieluniversitäten legen. Auch Absolventen von Fachhochschulen mit einschlägigen Studienschwerpunkten seien bei den Big 4 willkommen. Bei den Noten würden die Gesellschaften ebenfalls selten überhöhte Ansprüche stellen.

Das gilt jedoch nur für Einsteiger. „Bei Experienced Hires spielen Noten keine große Rolle“, ergänzt Michel.

Bei den Studiengängen legt EY zunehmend mehr Wert auf Diversität. „Wir wollen davon wegkommen, dass ein ‚Pinguin immer wieder einen Pinguin‘ anheuert“, versichert Reif. „Je weiter wir uns von den klassischen Bereichen Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung entfernen, desto häufiger kommen Nicht-Betriebswirte zum Zuge.“

Berufserfahrung interessanter als Studium

Bei Lebensläufen gilt die einfache Faustformel: Sie müssen mit der aktuellsten Station anfangen und sich sukzessive zu den älteren zurückarbeiten. Daher gehört der Block „Studium und Ausbildung“ bei Studenten und Absolventen an den Anfang, gefolgt von der Berufserfahrung. Dagegen fangen erfahrene Bewerber mit ihren beruflichen Stationen an, gefolgt vom Studium. Eine Ausnahme stellen Praktika nach dem Studium dar. „Ich rate dazu Praktika nach dem Abschluss als erstes aufzunehmen“, sagt Reif. „Das ist für den Arbeitgeber am Interessantesten.“

Der perfekte Lebenslauf stellt erst den Anfang dar

Angesichts der hohen Zahlen läuft der Bewerbungsprozess bei den Big 4 höchst professionell ab. Zunächst werden offensichtliche Fälle wie z.B. fehlende Arbeitserlaubnis und mangelnde Sprachkenntnisse aussortiert. Rund 80 Prozent der Bewerber werden anschließend zu einem etwa 20minütigen Online-Assessment eingeladen, bei denen drei unterschiedliche Analysekompetenzen geprüft werden. Anschließend nehmen die Recruiter Kontakt zu interessanten Bewerbern auf, erläutert Reif. Darauf folgen die Vorstellungsgespräche mit den Fachabteilungen – bei berufserfahrenen Kandidaten können es schon einmal mehrere Gespräche werden.

„Wir haben den Prozess gut im Griff“, versichert Reif. Die Bearbeitung einer Bewerbung sollte vom Eingang bis zur eventuellen Vorlage eines Angebots nicht mehr als einen Monat erfordern. „Wir streben eine ‚time to offer‘ von unter 30 Tagen an.“

Quelle: efinancialcareers, Dr. Florian Hamann unter http://news.efinancialcareers.com/de-de/245586/wie-der-perfekte-lebenslauf-fur-die-big-4-aussieht/

verfasst durch Marcus K. Reif

Passionierter Personaler, engagierter Kommunalpolitiker, stolzer Vater und treuer Eintracht-Frankfurt-Fan. Erfahren Sie mehr über mich auf meiner Profilseite. Freue mich auf den Dialog! Und bis dahin gibt es Neues auf Twitter @marcusreif