Die Arbeit des Personalwesens wird oft als Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Mitarbeiter beschrieben. Durch die Megatrends Demografie, Wertewandel und Technologisierung entstand der Fach- und Führungskräftemangel, den viele nun schon eine Ebene höher als Arbeitskräftemangel beschreiben. Dieser “Talentmangel” – also dieser Engpass an Arbeitskräften – führt derzeit zu einem massiven Umdenken der Unternehmen. Speziell im Punkt, welche Leidensfähigkeit der Mitarbeiter ist noch akzeptabel, sieht man viele Veränderungen hin zu mehr Menschlichkeit, mit dem Mitarbeiter als Mensch im Mittelpunkt, mehr Führung durch Achtsamkeit, mehr Freiraum und eine große Portion Kulturwandel. Wir können das als die neue Ethik im Personalwesen beschreiben, kurzum HR-Ethics.

Auch bei der Gewinnung von neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern spielt der ethische Grundsatz eine wichtige Rolle. Ist der respektvolle Umgang mit aktuellen Mitarbeitern ein positives Beispiel zur Gewinnung neuer? Also der klassische Ambassador-Effekt durch soziale Netzwerke und Plattformen, wie Glassdoor und Kununu, der merklich die konkreten Erfahrungen von Bewerbern und Mitarbeitern öffentlich zugänglich machen. Da gibt es keinen großen Spielraum mehr zum Vertuschen. Kultur wird zum Spiegel der Führung und zum direkten erkennbaren Wert der Mitarbeiter. Wir HRler sprechen hier von der Candidate-Experience, um den strategischen Ansatz der Erfahrung des Bewerbers im gesamten Bewerbungsprozess zu beschreiben.

Welches Maß an Vertrauen genießen die Mitarbeiter? Sind die Arbeitsbedingungen fair und objektiv, welches Verantwortungsbewusstsein genießen die Mitarbeiter, welchen Freiraum dürfen und können sie nutzen? Wie ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, welche Möglichkeiten zur Organisation von Arbeit und Leben ist da? Work-Life-Balance ist eine in sich geschlossene Lüge, denn Arbeit und Leben konkurrieren nicht miteinander. Sie sind eins, Arbeit ist ein Teil des Lebens und wir HRler beantworten die Frage, wie dies in Einklang zu bringen und zu organisieren ist. Wie familienfreundlich ist der Arbeitgeber? Welche Benefits bekommen Eltern für die Betreuung ihrer Kinder und welche die Kinder, die Verantwortung für die Betreuung und Pflege ihrer Liebsten aufwenden müssen? Gibt es Extras, bspw. mehr Flexibilität, um kurzfristig erkrankte Kinder zu betreuen?

Unternehmen agieren höchst ökonomisch auf gesellschaftliche Entwicklungen. Flexibilitätsinstrumente, wie bspw. Homeoffice oder flexible Arbeitszeitmodelle, werden eher aus der Betrachtung der Fluktuationsvermeidung und Mitarbeiterbindung gewährt. Selten ist es das innere Verständnis der Notwendigkeit in Zeiten von New Work, Digitalisierung und Neo-Arbeit. Ich habe Sorge, dass “New Work” als Bewegung zur Neuorganisation der Arbeit von den Unternehmen als Konkurrenz zu den wirtschaftlichen Zielen betrachtet wird.

Bei der Modernisierung stehen wir immer im Spannungsfeld der Bewahrer – Führungskräfte, die nur so viel Modernisierung zulassen, damit sie ein Maximum der tradierten Errungenschaften bewahren können. Und sind wir mal ehrlich. In einer Vielzahl an Unternehmen dienen Arbeitsflexibilisierungsmodelle doch mehr dem Arbeitgeber als dem Arbeitnehmer. Wieso? Weil unser Workforce-Management wenig strategisch und im Alltag viel zu sehr auf Kante genäht ist. Personalüberhänge, die notwendig sind für Elemente der flexiblen Arbeitszeitmodelle, wie bspw. Sabbaticals, fehlen. Ihr Fehlen führt dazu, dass kulturell, in den Teams und von den direkten Führungskräften der Wunsch nach Flexibilisierung im Kern negiert wird.

Ethische Grundsätze werden in der Personalarbeit eher in Gesetzen, Verordnungen und Dienstanweisungen gesehen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ist ein gutes Beispiel dafür. Die Ethik ist in meiner Betrachtung die Überschrift darüber. Wir könnten mehr Leben in den Begriff der HR-Ethics packen. Das wäre die Mühe der Anstrengung allemal wert!

Beste Grüße

Ihr Marcus Reif

verfasst durch Marcus K. Reif
Passionierter Personaler, engagierter Kommunalpolitiker, stolzer Vater und treuer Eintracht-Frankfurt-Fan. Erfahren Sie mehr über mich auf meiner Profilseite. Freue mich auf den Dialog! Und bis dahin gibt es Neues auf Twitter @marcusreif