Führen und führen lassen – heutige Führungskräfte müssen nicht nur mit Mut und Umsicht das Unternehmen sicher in die Zukunft führen, sondern auch auf die veränderten Bedürfnisse und individuellen Ansprüche ihrer Mitarbeiter eingehen und ein modernes Leadership, das von Offenheit und Transparenz geprägt ist, umsetzen.

Der ganz normale Wahnsinn: Alltag

Es gibt Studien, Strategien und Theorien, wie ein modernes Leadership auszusehen hat – und es gibt die alltäglichen Erfahrungen in Unternehmen, die zwischen Führungskräften und Mitarbeitern stattfinden. Als Experte für Recruiting und Employer Branding schaue ich ganz genau hin, was in diesem Bereich passiert:

Wie verändert sich unsere Arbeitswelt durch Digitalisierung?

Welche Erwartungshaltung haben Mitarbeiter an ihre Chefs?

Was macht ein modernes Unternehmen heutzutage aus?

In vielerlei Hinsicht liefern bereits die Veränderungen im eigenen Alltag wichtige Anhaltspunkte auf diese Fragen: Mein Schreibtisch zeigt die Werkzeuge, mit denen ich heute mein Leben organisiere, den Hauptteil meiner Arbeit anfertige. In meiner Freizeit erfahre ich, welche Dinge für mich heute einen großen Stellenwert genießen, und sehe die Unterschiede, wie ich früher aufgewachsen bin und wie heute meine Kinder großwerden. Bei diesen Überlegungen merke ich sofort, dass Wandel tatsächlich mehr als ein Trendwort ist, es ist Realität.

Es ist nichts Abstraktes, sondern ein Sammelbegriff für die vielen, konkreten und spürbaren Auswirkungen einer sich verändernden Welt – am Arbeitsplatz und zu Hause. Führungskräfte müssen diese unterschiedlichen Einflüsse und Entwicklungen bündeln, die daraus entstehenden Aufgaben und Anforderungen erkennen und die neue strategische Ausrichtung des Unternehmens im Einklang mit den herkömmlichen Unternehmenswerten auf struktureller und persönlicher Ebene umsetzen.

für moderne Führungskräfte sind neben Weitsicht auch Transparenz und Offenheit wichtig Klick um zu Tweeten

Vielfalt im Unternehmen – eine Herausforderung für Führungskräfte

Die Integration von Mitarbeitern mit ausländischen Wurzeln in den deutschen Arbeitsmarkt war in den letzten Jahrzehnten bereits ein immer größer werdendes Thema, das sich angesichts der massenhaften Flüchtlingsströme in Zukunft zu einer noch größeren Herausforderung entwickeln wird. Schließlich wird es nicht nur darum gehen, Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund, sondern Flüchtlinge, die in ihren deutschen Sprachkenntnissen sowie in ihrer Aus- und Fortbildung häufig noch ganz am Anfang stehen, einzugliedern. Dennoch gibt es viele Faktoren, die uns positiv in die Zukunft blicken lassen können: Dazu gehören die jetzigen Unternehmungen der Bundesregierung, die auf schnellere Asylverfahren setzt, somit die Auswahl der Flüchtlinge mit Bleibeperspektive beschleunigt und auf diese Weise die Planung und Vorbereitung für potentielle Arbeitgeber erlaubt.

Ausschlaggebend für eine gemeinsame Zukunft sind außerdem die intensiven, auch zivilen, Bemühungen, den Flüchtlingen die deutsche Sprache von Beginn an zu vermitteln und zu lehren. Letztlich dürfen wir zudem nicht die Situation unseres Arbeitsmarktes aus den Augen verlieren. 

Aufgrund des herrschenden und zukünftigen Fachkräftemangels in Deutschland, der durch den voranschreitenden demografischen Wandel begünstigt wird, können wir den Zustrom an Flüchtlingen, den Zustrom an benötigten Arbeitskräften, als wirtschaftlichen Gewinn sehen. Erstrebenswert wäre demnach, die neuen Arbeitskräfte vor allem in den Bereichen auszubilden, bei denen uns im Land der Nachwuchs fehlt. Momentan herrscht laut einer Studie in 96 Berufen Mangel an Fachpersonal, besonders im Alten- und Krankenpflegebereich, in naturwissenschaftlich-technischen Berufen und im Handwerk, d.h. vor allem Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker.

Interkulturelle und soziale Kompetenz von Führungskräften

Mitarbeiter mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund in ein Unternehmen einzubinden, ist eine schwierige Aufgabe, die durch bestimmte Strategien erfolgreich gelöst werden kann. Im Rahmen des Diversity Managements wird die Vielfalt im Unternehmen als Gewinn angesehen und durch entsprechende Maßnahmen zur Integrationsförderung umgesetzt. Die wichtigste Fähigkeit von Mitarbeitern und Führungskräften muss die interkulturelle Kompetenz darstellen, die Verständnis und Offenheit für andere Menschen, das Lernen voneinander bedeutet und Missverständnisse im alltäglichen Umgang vermeidet.

Neben dieser interkulturellen Kompetenz müssen Führungskräfte über ein hohes Maß an sozialer Kompetenz verfügen. Sie sollten die Stellenbesetzung nach dem individuellen Potenzial und den eigenen Bedürfnissen der Mitarbeiter vornehmen, jeden einzelnen in die Gemeinschaft eingliedern und ihn als Teil eines Ganzen fühlen lassen. Die soziale Kompetenz ist der Schlüssel zu einer offenen, persönlichen und erfolgreichen Unternehmensphilosophie, bei der auf die individuellen Ansprüche und Erwartungen der Mitarbeiter eingegangen wird. Denn besonders durch die Digitalisierung stehen heute neue Werte und Anforderungen bei den Mitarbeitern im Vordergrund, die Führungskräfte kennen sollten, um als Arbeitgeber stark und attraktiv zu bleiben.

Die Digitalisierung am Arbeitsplatz

Die Digitalisierung führt zu weitreichenden Veränderungen. Ich denke wieder an meinen Schreibtisch und sehe die Arbeitswerkzeuge, die sich geändert haben: Sei es die gesamte papierlose Kommunikation, der vermehrte Einsatz technischer Geräte oder die große Abhängigkeit von mobilen Geräten, von Netzwerken, von Daten. Führungskräfte müssen ihre Unternehmensstruktur den Digitalisierungsprozessen anpassen. Das bedeutet nicht nur die Repräsentation nach außen, die professionelle Webpräsenz und Social-Media-Nutzung, sondern hauptsächlich die interne Ausrichtung. Die digitale Produktentwicklung im Unternehmen muss vorangetrieben werden, dafür sind häufig interdisziplinäre Zusammenarbeiten, zusätzliche Kooperationen und ein engerer Kundenkontakt notwendig (vgl. DigitalTalk 03).

Digitalisierung bringt neue Werte hervor

Die Digitalisierung geht längst über technische und wirtschaftliche Ebenen hinaus. Neue gesellschaftliche Ansprüche und Werte entstehen, die sich auf das Arbeitsumfeld deutlich auswirken. Gemeint ist eine offene, schnelle Kommunikation, eine große Mobilität, der Wunsch nach Freiheit, nach Eigendarstellung und Vernetzung. Für Führungskräfte ist deshalb die Positionierung in der Öffentlichkeit wichtig, um gemäß dem Zeitgeist den Netzwerkgedanken zu leben und voranzutreiben und sich auf die offene und persönliche Kommunikation mit anderen Nutzern einzulassen.

Mitarbeiter erwarten moderne Führungskräfte. Das sind Ansprüche, die gerade der Generation Y/Z wichtig sind. Für sie gelten heute neue Statussymbole wie Flexibilität, Freizeit und Selbstverwirklichung und deshalb suchen sie neue Anreize bei ihrem Arbeitgeber. 

Talent Management: Der Kampf um gutes Personal!

Immer mehr innovative Konzepte entstehen, wie an der Hufeland-Klinik Bad Ems und dem Marienkrankenhaus Nassau. Dort wurde das erste „Mitarbeitersekretariat“ eingerichtet, das den Kollegen mit einem Einkaufs- und Bügelservice lästige Alltagspflichten abnimmt, einen Leihwagen zur Verfügung stellt oder neue Mitarbeiter bei ihrer Einarbeitung unterstützt und Hilfe beim Umzug vermittelt. „Dadurch hoffen wir nicht nur neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einfacher gewinnen zu können, sondern auch, dass diejenigen, die bei uns sind, noch lieber bleiben“, sagt die Geschäftsführerin der Katholischen Kliniken Lahn, Schwester Johanna Guthoff.

Gegen ein Klima der Angst

Diese neuen Angebote für Mitarbeiter sind wichtig. Noch wichtiger sind aber moderne, funktionierende Strukturen innerhalb des Unternehmens. Die Digitalisierung, die im zwischenmenschlichen Bereich mit der zuvor angesprochenen offenen, persönlichen Kommunikation gelebt wird, fordert diese Transparenz und Offenheit auch im Unternehmen. Flache Hierarchien sollten entstehen, ein Austausch auf Augenhöhe möglich sein – das setzt jedoch eine Kritikfähigkeit der Führungskräfte voraus.

Führen und führen lassen: Wenn der Überbringer schlechter Nachrichten immer noch Angst davor hat, den Kopf dafür zu verlieren, bliebe ihm nur der Weg der Vertuschung. Ein produktives, zukunftsfähiges Arbeiten sei so nicht möglich – Karriereberater Martin Wehrle bezeichnet in einem Interview einen schlechten Führungsstil als idealen Nährboden für Skandale. Der Abgas-Skandal sei auch eine Folge des autoritären Führungsstils, der Kultur der Angst, die bei VW geherrscht haben soll. Mitarbeiter müssen in einem Umfeld arbeiten, in dem sie Fehler zugeben können, ohne unverhältnismäßige Konsequenzen zu befürchten. Außerdem müssen sie in der Position sein, unrealistische Ziele, schwer überwindbare Hindernisse oder konkrete Problemstellungen als solche auch ihrer Führungskraft kommunizieren zu können.

Mehr Mut und mehr Gemeinsamkeit

Sämtliche Maßnahmen wie Digitalisierungsprozesse, Employer Branding oder Diversity Management dienen letztlich einem Ziel: Führungskräfte müssen Ängste abbauen – vor aktuellen Entwicklungen, ausgemalten Zukunftsszenarien und innerhalb des Unternehmens.

Sie müssen moderne Werte vorleben, neue Ideen gemeinsam mit ihren Mitarbeitern umsetzen und den Wandel einfach machen: Weniger Theorie, mehr Praxis, mehr ausprobieren ist gefragt. Das ist zwar nicht gerade eine typisch deutsche Eigenschaft, aber für die Zukunft enorm wichtig.

Beste Grüße 

Marcus Reif

verfasst durch Marcus K. Reif

Passionierter Personaler, engagierter Kommunalpolitiker, stolzer Vater und treuer Eintracht-Frankfurt-Fan. Erfahren Sie mehr über mich auf meiner Profilseite. Freue mich auf den Dialog! Und bis dahin gibt es Neues auf Twitter @marcusreif