65 % unserer Kinder erhalten Jobs, die es heute noch nicht gibt

Wie erwirtschaftet eine Volkswirtschaft ihr Bruttosozialprodukt, wenn alle Jobs digitalisiert und alle Produktionen automatisiert werden? 

Auf den Gifhorner Wirtschaftsgesprächen äußerte ich den Trend des Digitalisierungsausgleichs als eine Form des bedingungslosen Grundeinkommens.

Eine “catchy” Überschrift, die so niemals Realität werden wird. Aber … und so steigen wir mal ein in eine sehr grobe Betrachtung aus der Personaler-Sicht. Gerne beginne ich mit der These, dass 65 % unserer Kinder Jobs erhalten werden, die es heute noch nicht gibt. Also bewegt sich gerade etwas ganz Fundamentales in unserer Welt. Viele dampfen diese Dynamik ein auf den Überbegriff “digitale Transformation”. Weitere Medien betiteln ihre Überschriften mit Aussagen, dass ⅔ aller Jobs wegfallen, andere schreiben von fünf bis sieben Mio. wegfallenden Jobs. Und wieder andere Medien schreiben, dass uns wegen des Fach- und Führungskräftemangels rund sieben Mio. Produktivkräfte in Deutschland fehlen. Also was ist denn nun die Realität? Gleichen sich die wegfallenden Jobs und der Nachwuchsmangel aus? Wird alles gut? 

Vermutlich tritt der Fall so ein, dass sich die Mehrheit der Job-Familien stark verändern werden. Eine zunehmende Automatisierung und Digitalisierung kennzeichnen eine stetige Veränderung. Um diese zunehmende Automatisierung und Digitalisierung zu managen, werden eine erhebliche Anzahl neuer Jobs entstehen. Und für diese fehlt uns derzeit der Nachwuchs. Leider zeigt die Realität, dass wir in der deutschen Volkswirtschaft dazu neigen, zwar die richtigen Entscheidungen zu treffen, allerdings nicht genau wissen, wann es denn gut ist. Wir übersteuern, weil die Zyklen sehr lange sind. Beispielsweise ist das Klagen über zu wenige Hochschulberechtigten, zu wenige Studierende und zu wenige Absolventen jedem noch im Ohr. Nun scheint es, dass wir punktuell in einzelnen Studiengängen den faktischen Bedarf an Absolventen überzogen haben. Die F.A.Z. schreibt am 28. April 2017 “Arbeitsmarkt: Droht auch Ingenieuren ein Schweinezyklus?” und will damit zum Ausdruck bringen, dass wir eine Schwemme qualifizierter Absolventen haben, die es qua Bedarf erst einmal unterzubringen gilt. Erst war von einer „Ingenieurslücke“ die Rede, dann begannen immer mehr junge Menschen ein Ingenieursstudium. Droht jetzt der Schweinezyklus und haben wir bald zu viele Absolventen dieser Fachrichtung?, schreibt Sven Astheimer in diesem Artikel. 

Veränderungen der Arbeitswelt sind evident

Ein Blick auf die Effekte, das Potenzial zur Substituierung und deren Implikationen zeigen auf, dass wir in den nächsten Jahren eine große Welle an Veränderungen der Arbeitswelt auf uns zukommen sehen. Weitere Vernetzung von Alltagsgegenständen mit dem Internet, gepaart mit einem Wachstum unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit steht ein Rückgang der traditionellen Jobs entgegen. Der Fokus unseres tertiären Wirtschaftssektors ist Services und Dienstleistungen, deren Bedeutung noch zunehmen wird. 

Die nachstehenden Elemente hatte ich mal in einer Strategie-Präsentation zur Entwicklung des Arbeitsmarkts aufgezeigt: 

Effekte

  • Economic performance in Germany will increase of about 82 Billion Euro (Accenture survey, 2016)
  • World‘s economic performance actually of about 1,83 Trillion Euro
  • In 2020 more than 26 Billion „things“ will be connected to the internet all over the world

Substituierungspotenzial 

  • Jobs in traditional industry are showing a higher potential to substitute work through „digital“
  • Jobs in social and cultural services showing a lower potential for substituting work
  • Approx. 15 % all of social insurance contributed jobs in 2013 are in a job with more than 70 % of working content possibly substituted through digitalization

Implikationen

  • Surveys are showing a possible potential to substitution on expert level of about 18.8 %. On specialist level it‘s about 33.4 %
  • Question: to which extend could digitalization be affect our workforce? To have a good understanding of possible implications we could use the average of the substitution level of about 26.6 % (between experts and specialists)
  • But Business complexity will raise rapidly, which is affecting all calculations of possible substitution potential again

Fakt ist, dass in einer hoch beschleunigten und entgrenzten Welt die Planungszyklen für Bildung dysfunktional sind. Vom Abitur über das Studium bis zum Young Professional gehen bei Master-Absolventen gute 7-10 Jahre ins Land. Zu lange, um in der disruptiven Welt mit besonderer Wendigkeit zu agieren. Die Frage, die ich mir hierbei stelle, ist folgende:

If less people will be needed, how can we ensure that the right people are still in place?

Das Talent-Management ist heute schon eine essenzielle Zentralfunktion. Der Faktor Mensch mit seinem Potenzial und Talent ist das höchster Gut der Unternehmen. Wenn wir also wissen, dass wir zum passenden Zeitpunkt den richtigen Mensch mit den nötigen Kompetenzen brauchen, wie geht das einher mit dem hoch volatilen Markt? Und wie finanziert sich eigentlich eine Gesellschaft bei zunehmender Automatisierung und Digitalisierung? 

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Wie finanziert sich die Gesellschaft in der digitalen Transformation?

Wir brauchen bei zunehmender Automatisierung einen Ausgleich. Wenn selbstfahrende Autos zunehmen, werden die Jobs für Taxi-Fahrer und Chauffeure abnehmen. Wenn Bots den 1st-Level-Support ersetzen, Software und Produktionsroboter immer mehr Hände automatisieren muss die Frage gestellt werden, wie ein Ausgleich hierfür vorgenommen werden kann. Einige Experten sprechen vom bedingungslosen Grundeinkommen. Und viele davon kommen aus dem linken politischen Lager, doch jüngst gesellen sich immer mehr aus dem Silicon Valley dazu. Die Hypothesen sind beispielsweise, dass Roboter, Maschinen und künstliche Intelligenz menschliche Arbeitsplätze zunehmend verdrängen werden, ohne dass neue Arbeit für diese Menschen in gleichem Maße entsteht. Bill Gates spricht sich in einem Interview mit dem Online-Wirtschaftsmagazin Quartz für die Besteuerung von Robotern aus, die menschliche Arbeit ersetzen. Das sei vor allem deshalb notwendig, weil viele Staatsleistungen derzeit hauptsächlich über die Einkommenssteuer finanziert werden. „Man kann diese Einkommensteuer nicht einfach aufgeben“, sagte Gates.

Auch Elon Musk sieht die Notwendigkeit und sagte hierzu: „Es wird immer weniger Jobs geben, die Roboter nicht besser ausführen können“.

Die daraus entstehende und vermutlich nicht vollständig vermeidbare zunehmende Arbeitslosigkeit sei eine „massive soziale Herausforderung”, sagte Musk. „Letztlich glaube ich, dass wir eine Form des bedingungslosen Grundeinkommen brauchen werden.”.

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Auf Wikipedia wird das bedingungslose Grundeinkommen wie folgt erklärt: Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ist ein sozialpolitisches Finanztransferkonzept, nach dem jeder Bürger – unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage – eine gesetzlich festgelegte und für jeden gleiche – vom Staat ausgezahlte – finanzielle Zuwendung erhält, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen (Transferleistung). Es wird in Finanztransfermodellen meist als eine Finanzleistung diskutiert, die ohne weitere Einkommen oder bedingte Sozialhilfe existenzsichernd wäre, in Form eines Bürgergelds.

Die Idee, jedes Gesellschaftsmitglied an den Gesamteinnahmen dieser Gesellschaft ohne Bedürftigkeit zu beteiligen, wird weltweit diskutiert.[1] Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die unter anderen von Milton Friedman 1962 ausgearbeitete Idee der negativen Einkommensteuer. Juliet Rhys-Williams schlug 1943 eine Soziale Dividende vor, wie auch 1942 ein bedingungsloses Einkommen als negative Einkommensteuer. Zu den in Deutschland diskutierten Modellen eines BGE gehören zum Beispiel das Solidarische Bürgergeld (Althaus-Modell), das Ulmer Modell oder das Modell der von Götz Werner gegründeten Initiative Unternimm die Zukunft.

Der Name der Idee unterscheidet sich nach Sprachraum; so wird das Konzept zum Beispiel in den USA hauptsächlich unter den Namen Basic Income Guarantee (BIG) und Unconditional Basic Income (UBI), auch Universal Basic Income, diskutiert. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen

Die verschiedenen Modelle werden auf Wikipedia ausführlich beschrieben, das erwähne ich hier jetzt nicht. 

Geht es um Chancengleichheit oder leistungsentkoppeltes Gehalt?

Das deutsche Erfolgsrezept seit Ludwig Erhard ist die soziale Marktwirtschaft. Sie ist der Erfolg unserer Wirtschaft und brachte uns bereits deutlich besser durch die verschiedenen Weltwirtschaftskrisen als andere Staaten. Die dem bedingungslosen Grundeinkommen innewohnende Botschaft ist: Chancengleichheit. Ludwig Erhard war der Überzeugung, dass jeder Mensch für sich selber sorgen muss. Und im Wandel von der Landwirtschaft zur Industrienation und dem darauf folgenden Wandel vom sekundären zum tertiären Wirtschaftssektor fielen auch ganze Jobfamilien weg und dennoch sind die Menschen in neue Arbeit gekommen. Qualifizierung und Neugierde auf Neues sind dabei unverzichtbare Attribute. Manche sind der Meinung, dass die Scherenbewegung aus Arm und Reich und die gesellschaftlichen Unterschiede größer geworden sind. Der Wohlstand in Deutschland hat allerdings nach dem zweiten Weltkrieg zugenommen und bevorteilt alle Deutschen. 

Bei den ganzen Sorgen über soziale Ungerechtigkeit der “hart arbeitenden Menschen”, wie der Kanzlerkandidat der sozialromantischen Partei nicht Müde wird zu thematisieren, zeugt von einem großen Technologiepessimismus. Der technologische Wandel wird als Gefahr gesehen. Unterschiede in den Milieus werden überdramatisiert und Zukunftsängste bemüht. Die Chance ist einzig und allein die Zukunftslust, darüber wird in Deutschland kaum gesprochen. Bewahrer-Mentalität und Traditionserhalt manifestieren sich und sind ein Bollwerk vor dem technologischen Wandel. Deshalb ist aus meiner Sicht das bedingungslose Grundeinkommen lediglich ein kläglicher Umverteilungsversuch, der einer Ruhigstellung der potenziell arbeitslos werdenden Menschen dient.

Technologischen Wandel gibt es seit über zwei Jahrhunderten, seit dem Beginn der industriellen Revolution. Er hat fast immer dazu geführt, dass bessere, humanere und höher bezahlte neue Jobs entstanden sind. Es gibt überhaupt keinen Grund, wieso dies in Zukunft anders sein sollte. Es geht nicht darum, dass der Staat und die Gesellschaft diejenigen ruhigstellen, deren Jobs möglicherweise bedroht sind, sondern dass sie ihnen helfen, sich anzupassen und die Chancen des technologischen Wandels zu nutzen. Nehmen wir das Beispiel der Wäscherinnen. Damals wurde geulkt, dass die Erfindung von Robotern, die die Wäsche zum Fluss bringen, dort waschen und trocknen, um sie wieder zurück zu bringen, technisch unmöglich wäre. Das ist eine richtige Sicht. Erfunden wurde die für jeden Haushalt erschwingliche Waschmaschine erfunden. Nun gehen die Familienmitglieder in die Waschküche oder den Waschraum, stecken ihre Wäsche in die Waschmaschine, holen sie nach 90 Minuten wieder raus und trocknen sie. Der Prozess ist mechanisch einwandfrei, ökonomisch erschwinglich, das Waschresultat besser als die Handwäsche im Fluss, ökologisch um Längen effektiver und als ganzes effizienter. Das ist ein gutes Beispiel für technologischen Wandel. Die Wäscherinnen, damals ein weit verbreiteter Beruf, gibt es heute nur noch äußerst selten, meist kombiniert mit dem Angebot der chemischen Reinigung, die auch ein Produkt technischer Disruption ist. 

Die Frage, die wir nun beantworten müssen, lautet: wie finanziert sich eigentlich eine Gesellschaft bei zunehmender Automatisierung und Digitalisierung? Ich glaube, durch einen sinnvollen Konsumbeitrag durch ein leistungsentkoppeltes Einkommen, welches sich durch den Automatisierungsgrad verschiedener volkswirtschaftlicher Abläufe speist. Das ist etwas völlig anderes als ein bedingungsloses Grundeinkommen, was eine linke Träumerei der sozialgerechten Verteilung ist, wo “die Reichen” mehr abgeben müssen. Mit Verlaub, durch die Steuerprogression tun sie dies heute bereits. Siehe auch Bericht “Münchhausen-Check: Nahles und die Reichensteuer” auf Spiegel.de: 

Die andere, die besserverdienende Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung verdient 84,5 Prozent der Gesamteinkommen und trägt mit stolzen 94,6 Prozent zu den Einnahmen des Staates aus der Einkommensteuer bei.

Gucken wir auf die oberen zehn Prozent der Steuerzahler (Einkünfte ab 69.582 Euro im Jahr), dann verdienen diese gut 37 Prozent der Gesamteinkommen und leisten über die Hälfte, genau 54,6 Prozent, des Einkommensteueraufkommens.

Die Zukunft birgt so viele Chancen, wir müssen Lust darauf haben! Machen wir was draus! Digitale Transformation ist eine Chance #Digitalisierung #IchhabeZukunftslust Klick um zu Tweeten

Beste Grüße 

Marcus Reif 

verfasst durch Marcus K. Reif

Passionierter Personaler, engagierter Kommunalpolitiker, stolzer Vater und treuer Eintracht-Frankfurt-Fan. Erfahren Sie mehr über mich auf meiner Profilseite. Freue mich auf den Dialog! Und bis dahin gibt es Neues auf Twitter @marcusreif